ERT 17, Tag 4: Urlaub fürs Gehirn

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Was soll man denn hier auch denken?

Radfahren ist ein schönes Hobby. Man sollte es betreiben wie ein Gentleman, genießen und schweigen. Macht hier aber keiner. Stattdessen Kettengespräche beim Abendessen: Die neuesten Dopingtrends, Leistungsmesserlatein, irgendwas mit der FTP, wer fährt wann und mit wem, Ernährungsfragen, blablabla. Okay, als Berliner ist man ja dankbar für jedes Gespräch, das sich nicht um den verkorksten Wohnungsmarkt dreht. Aber wenn ich noch zehn weitere Abende Sportlersprech um die Ohren gehauen bekomme, braucht mein Gehirn bald eine Rekom-Einheit.

Immerhin hab ich auf der heutigen Etappe nach Pamplona einen anspruchsvollen Gesprächspartner: mich. Beim Aufpumpen am morgen habe ich festgestellt, dass der hintere Mantel schon ziemlich gefährlich aussieht. Ich schicke die anderen also schonmal voraus und mache mich ans Wechseln. Das klappt auch ganz gut, doch als ich vom Händewaschen komme, ist der Reifen schon wieder platt. Also nochmal von vorn. Als ich dann endlich loskomme, sind die anderen Kurzstreckenfahrer schon fast eine Stunde weg.

So richtig schlimm finde ich die Aussicht auf einen Soloritt aber nicht. Der Rücken fühlt sich auf dem Rad längst nicht so schlimm an wie heute Morgen im Bett. Ich hab Kopfhörer, ein schönes DJ-Set, die Sonne scheint und Spanien sieht streckenweise ziemlich beeindruckend aus. Niemand ist da, der schneller fährt als ich, niemand über den man sich ärgern könnte. Nur der Straßenbelag ist suboptimal, der macht den Eindruck als habe jemand den Asphalt mutwillig umgepflügt. Wenn ich diesmal auf Abfahrten bremse, habe ich also wenigstens einen Grund. Nur sind Abfahrten ohnehin selten auf diesem Teil der Strecke. Meistens geht es irgendwie bergauf und das macht Hunger. In einem der wenigen nennenswerten Orte auf der Strecke kaufe ich ein undefinierbares Süßgebäck, das ich gerade auf einer Bank sitzend kaue, als die Kaffeetrinker-Bande vorbeiprescht.

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Kaffeepause is heute nicht.  Cola für die Trinkflasche und ne Koffeintablette müssen reichen.

Wenn die jetzt nicht noch drei weitere Kuchenstopps machen, seh ich die heute nicht wieder. Aber egal, muss ich mich eben mal mit mir selbst begnügen. Leider haben sich Me, Myself and I nicht allzu viel zu sagen. Bloß nicht über Arbeit reden. Aber über was dann? Wetter? Liebe? Bundestagswahl? Sinn des Lebens? Ach nee, lass ma, ich mach lieber wieder Musik an. K.I.Z. räppen „Urlaub fürs Gehirn“. Genau so fühlt sich das hier an.

Mein Hirn wälzt sich gerade auf der Sonnenliege, als ich fast am Buffet vorbeirausche. Dort sind meine Kuchenfreunde gerade im Aufbruch begriffen. Ich bleibe erstmal hier. Mit Käsestullen im Magen werde ich die letzten 50 km ja wohl auch noch alleine hinbekommen. Tue ich dann aber nicht. 30 Kilometer vor Schluss ist mein neu aufgezogener Hinterreifen schon wieder platt. Okay, ich hab ja jetzt Übung. Die ERT-Slowrider-Fraktion kommt vorbeigezogen. „Alles gut?“ „Ja, ich komm klar.“ Autofahrer halten an, einer wendet sogar um zu gucken, ob ich Hilfe brauche. In Brandenburg würden die das nur machen, um über einen drüber zu fahren!

Reifen geflickt und wieder rein. Lieber nicht verschwenden das Material, wer weiß was noch kommt bei meinem Glück. Ich pumpe. Pumpe weiter und pumpe noch mehr. Nichts tut sich. Langsam wird’s ungemütlich unter der prallen Sonne. Und langsam werde ich ungemütlich. Aber nur die Geier über mir hören mein Fluchen, alle anderen sind ja nun weg. Das zweite Loch ist auch schnell ausgemacht, es muss an den neuen Reifenhebern liegen. Scheiß Reifen, scheiß Reifenheber. Kein Wunder, dass die im Sonderangebot waren.

Von fern wittere ich Sportlerschweiß. Der Fitfucker-Express! Die ERT-Elite, bestehend aus Tierchen, Salamandermann, Sascha und Tom, kommt gerade von der langen Strecke und sammelt mich ein. Für Kettengespräche hat zum Glück keiner mehr die Muße, Pamplona ruft und wir haben’s eilig. Zwei Kilometer vorm Ziel ist dann auch noch Toms Hinterrad platt. Wow. Die Defekthexe schiebt heute anscheinend Überstunden. Mein Gehirn sagt, die soll jetzt auch mal Urlaub machen.

 

 

 

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ERT 17, Tag 3: Unter Geiern

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 Eeey, sucht euch ein anderes Mittagessen!

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Wind, Du Drecksfotzenscheißarschlochspastenhurensohn! Fick Dich und verpiss Dich von meiner Strecke!

So, das hätten wir geklärt. Dann kann ich ja jetzt berichten. Ich hab mich gestern extra früh ins Luxushotelbett gelegt. Halb eins wars, mindestens eine halbe Stunde eher als sonst. Und was hab ich davon? Ich wache ne dreiviertel Stunde eher auf. Na toll, das hat sich ja gelohnt. Zumal ich so auch noch voll die Rush-Hour an der Kaffeemaschine mitnehmen kann. In der Zeit, die das Ding für einen großen Kaffee braucht, bringen andere Leute Kinder zur Welt! Mehrere!

Losrollen mit den üblichen Verdächtigen. Körpercheck. Die Beine schweigen, der Rücken auch. Bin ich schon tot? Nein, und das soll auch so bleiben, findet mein Kopf. Also bremse ich mich wie ein Anfänger die Abfahrten runter. Vergessen ist das alte Motto „wer bremst, verliert“. Kamikaze-Liszt war gestern, heute ist Kaninchen-Liszt. Wenigstens beim Bergauffahren erinnert sich der alte Körper an seine früheren Fähigkeiten. Geht zumindest besser als die letzten beiden Tage. Als das Rudel schon nach 20 Kilometern zur ersten Kaffeepause einbiegt, würde ich eigentlich gern weiter. Aber hey, Gruppenzwang.

Alleine fahren wäre eigentlich auch mal schön. Musik hören, Klappe halten und Spanien angucken statt anderer Leute Hinterräder. Ich bin heute nicht die einzige mit solchen Bedürfnissen, Julia – aka das Tierchen – ist nach dem Buffet schonmal losgeprescht und ich mache es ihr wenig später nach und setze mich von der Gruppe ab. Herrlich. Ich hab ja nichts gegen Leute und schon garnicht gegen meine Mitfahrer. Aber ich bin eben auch gern mal allein und das ist man hier sonst nur auf dem Klo.

25 Kilometer im Introvertiertenmodus enden in einer Stadt, die so ähnlich heißt wie diese psychoaktive Pflanze, Ayahuasca. Tom und Tierchen warten dort und nehmen mich in den Windschatten. Der ist jetzt plötzlich auch wieder nötig. Es bläst von allen Seiten außer von hinten. Und weil das allein nicht anstrengend genug ist, gibt es jetzt auch noch eine perfide Steigung, die man zwar nicht sieht aber spürt. Die beiden Leistungsträger gleiten ungerührt über den Kraterasphalt. Ich kann so unmöglich die nächsten 60 Kilometer weitermachen! Wir verabreden uns für die nächsten brauchbare Kaffeegelegenheit und ich freue mich gerade, wieder allein zu sein, als ich feststelle, dass mein Hinterrad platt ist. Kein Problem, Schlauchwechsel kann ich. Was ich nicht kann: Reifen aufpumpen, jedenfalls nicht diesen hier. Das Ventil hat sich gelöst, steckt jetzt im Kopf der Handpumpe fest und bewegt sich kein Stück mehr. Ich opfere sogar ein Stückchen Zahn beim Versuch, es rauszudrehen. Nix geht. Ich sitze also mit einem kaputten und einem ventillosen Schlauch sowie einer unbrauchbaren Pumpe in der spanischen Steppe und warte auf das Rudel, das bestimmt mal wieder irgendwo rastet.

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Der Orbea-Mann hat mich erst gerettet und dann begleitet. Viel gesprochen haben wir aber nicht.

Über mir kreisen Vögel. Viele Vögel und sehr große Vögel. Erst hatte ich sie für Adler gehalten. Inzwischen glaube ich aber, dass es Geier sind. „Fliegen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen! Und schon gar nicht zu Essen!“ Also jedenfalls nicht so bald. Bevor die Tiere das morsche Menschenfleisch verkosten können, kommt mein Retter auf einem orangefarbenen Orbea angestrampelt. Ein Spanier, der kaum englisch spricht und bei 23 Grad mit Windjacke bergauf fährt. Er hat keine rasierten Beine, aber immerhin eine Pumpe und die benutzt er auch, um den geflickten Schlauch wieder einzubauen. Ich würde es ja selbst machen, aber wenn einem der Frauenbonus schon so aufgedrängt wird… Zum Dank ziehe ich ihn gegen den Wind den Rest des Kackbergs hoch. Dabei muss sogar ich mich etwas bremsen, und das will was heißen. Es gibt also Leute, die noch unfitter sind als ich.

Die fitteren sitzen seit eineinhalb Stunden im Café und warten auf mich. Nett von ihnen, zumal der Wind inzwischen nochmal deutlich aufgefrischt hat. Selbst hinter den beiden Sportskanonen ist es ungemütlich. Findet auch mein Rücken, der immer nachdrücklicher nach Ibu verlangt. Aber wenn ich jetzt damit anfange, kann ich mir die Tabletten ab morgen schon zum Frühstück einverleiben. Dann geht’s nämlich nicht mehr ohne. Es geht aber sowieso nicht mehr viel, jedenfalls nicht mit mir. Dem Puls zufolge müsste ich demnächst explodieren, der Rest des Körpers will sich einfach vom Rad werfen. Und in meinem Kopf singen mal wieder The Clash: „Should I stay or should I go?“ Ich entscheide mich für letzteres und lasse die Begleiter davonstiefeln. Endlich allein! Endlich Musik! Und irgendwann auch endlich eine Abfahrt! Die kann mir der Scheißwind nun auch nicht mehr vermiesen. Aber wenn das morgen so weiter geht mit dem Gebläse, dann werde ich noch ausfallend.

ERT 17, Tag 2: Erste Klasse im Fitfucker-Express

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Mein Ausblick heute: Hinterräder und stramme Waden.

Dass das spanische Frühstück nicht opulent ausfällt, weiß man ja und ich find das auch gut, weil ich mich dann wenigstens nicht überfressen kann. Als ich heute morgen etwas verspätet in den Frühstücksraum komme, ist die Auswahl aber doch etwas karger als erwartet. Es gibt: Nichts. Und dazu entkoffeinierten Kaffee aus der Kapselmaschine. Das ist selbst mir zu wenig, trotz des Blutwurstmassakers am Vorabend. Bevor ich ernsthaft ausrasten kann, kommt dann aber doch noch Abhilfe in Form von richtigem Kaffee und warmen Schrippen.

Das ausgeklügelte Packsystem im Nilpferdkoffer ist schon am ersten Tag zusammengebrochen, aber irgendwann finde ich mich dann doch in meiner nigelnagelneuen Bioracer-Kluft am Start ein. Dort wartet schon die Sportler-Fraktion der ERT. Viel High-End-Material und drei Zentner stahlhartes Athletenfleisch. Wenn das mal gut geht. Beim Losrollen erstmal Bestandsaufnahme: Was tut alles weh und wie sehr? Beine, Rücken melden sich und außerdem ist der linke Arm ist etwas gezerrt vom Schienensturz. Gleich mit Ibu anfangen oder noch 5 km warten, bis wir auf dem ersten Berg sind? Ich wähle „Warten“ und der Schmerz lässt nach. Was vielleicht auch daran liegt, dass es sich inzwischen ganz angenehm fährt.

Kommt der Wind von vorne oder von hinten? Ich weiß es nicht, denn am Ende des Zwölfer-Feldes rolle ich verdammt komfortabel und außerdem geht es gefühlt die ganze Zeit bergab. Schöner Reisen im Fitfucker-Express! Irgendwann teilt sich das Feld, weil die Genießerfraktion die erste Gelegenheit zum Kaffeetrinken nutzt. Mir ist das noch zu früh, ich hab mich ja nicht angestrengt bis jetzt. Noch 30 Kilometer zum Buffet, da wird sich ja vielleicht noch das ein oder andere Café finden. Doch ich habe die Rechnung ohne die Zugführer gemacht. Die wollen durchbolzen. Merke: Im Fitfucker-Express gibt’s keinen Speisewagen.

Als wir am Buffet ankommen, haben unsere WfF-Begleiter gerade erst angefangen mit Äpfel schnippeln und Wurst drapieren. Dabei können wir jetzt zuschauen, gut dass wir uns so beeilt haben! Nach der Pause teilt sich unser Zug noch einmal. Wir sind jetzt zu sechst. Vier Sportler, Garminschorsch und ich. Das ganze fühlt sich ein bisschen wie ein Downgrade in die zweite Klassse an, denn jetzt kriege ich hinten auch Gegenwind ab und davon gibt es auf einmal viel. Sehr viel. Es nervt. Die drahtigen Bergfex-Leiber werfen kaum Windschatten. Ich vermisse Marc, die Spandauer Schrankwand. Wir stellen auf Einerreihe um, ist okay, mir gehen ohnehin die Gesprächsthemen aus, nachdem ich meine neueste Erkenntnis, dass Christian in manchen Momenten an eine Echse erinnert, jedem mitgeteilt habe.

100 Stunden Hinterradglotzen. Langweilig. Aua. Ich verliere mein Handy beim Fotografieren und wir müssen anhalten. Mal wieder. Denn die Pausen werden häufiger und der Fitfucker-Express verkommt langsam zur Bimmelbahn. Ich mag nicht mehr. Jedenfalls nicht ohne Kaffee. Aber Jammern hab ich mir verboten, sonst werfen die mich noch aus dem Zug.

Irgendwann eine Stadt, Siestatotentanz, aber KaffeeColaEis gibt es trotzdem, wie schön. Die Zugführer koppeln Schorsch und mich ab und biegen auf die lange Strecke ein. Jetzt ist Julia unsere Lok und zieht uns gegen 100 km/h Gegenwind zur Endstation in Barbastro. Dort residieren wir heute ganz nobel im Grand Hotel. Nicht übel. Ich hab Hoffnung, dass es dort morgen sogar Frühstück gibt.

 

 

ERT 17, Tag 1: Einrollen, leicht wellig

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Die Spanier wissen, wie man es sich hübsch macht.

Bei der ERT werden traditionell immer zwei Strecken am Tag angeboten. Eine kurze für die Ü65-Fraktion und die Nicht-so-Trainierten. Und eine lange für die, die etwas fitter sind. In den letzten Jahren gab es da nicht viel zu entscheiden: Luschenrunde is nich, außer bei Regen oder sehr guten Ausreden. Diesmal läuft es anders. Da gibt es eine „kurze“ Runde für die Normalharten. Und eine lange für die Verrückten. Ich bin nicht verrückt, und so war ich ganz froh, als selbst der Streckenchef am Vorabend ankündigte, die kurze Variante zu fahren. Er wird schon wissen wieso, und so war die Sache klar.

Natürlich gab es dann viel Bier und wenig Schlaf, so dass ich schon vorm Start leicht gereizt zwischen all den erwartungsfrohen Mitreisenden herumstolpere. Wo sind meine Pedale? Wo sind die Magnete zu meinen Pedalen? Wo ist der Drehmomentschlüssel? Wo ist Tom? Warum hat eigentlich niemand mein Fahrrad zusammengeschraubt? Oder wenigstens geputzt? Die Räder sind mit dem Transporter ab Berlin gereist und auf dem Weg zum Verladen hat es geregnet. Das Trek ist deshalb schon vorm ersten Spanienmeter eingesaut und ich bin leicht versehrt, weil ich mich – passenderweise in der Invalidenstraße – auf nassen Straßenbahnschienen abgelegt habe. Auch schon egal, dann hab ich wenigstens noch einen guten Grund für Ibu.

Die brauche ich aber erstmal nicht, denn viel passiert nicht. Stop and go im großen Rudel durch Barcelona. Von Ampel zu Ampel, mehr stehen als fahren. Eine gute Gelegenheit, sich die Stadt anzugucken, die so hässlich ja nicht ist. Und leider auch nicht so klein. Barcelona hört und hört nicht auf, was blöd ist, weil ich pinkeln muss. „Sind wir bald dahaaa?“ Nein, aber immerhin ist die Strecke jetzt freigegeben. Ich muss im Rudel bleiben, soviel ist klar. Zum einen, weil ich Windschatten brauche. Zum anderen, weil ich offenbar keine Pyrenäenkarte auf meinem Garmin habe und folglich nicht navigieren kann.

Apropos können: Berge kann ich auch nicht. Was ungünstig ist, weil die fangen jetzt an. Mir fällt ein, dass der größte Anstieg, den ich in diesem Jahr gefahren bin, der Hügel vorm Bäcker in Buckow ist. Meine Lunge behauptet, ich hätte die letzte Woche Kette geraucht. Lügenlunge! Meine Beine behaupten, ich hätte zu wenig trainiert. Ich fürchte, da haben sie Recht. Ich klammere mich also an die edlen Windschattenspender und hoffe, niemanden zu vergrätzen, wenn ich bergab mal wieder bremsend die Gruppe zerrupfe. Abfahren hab ich anscheinend auch verlernt. Na toll. In meinem Kopf spielen The Clash in Dauerrotation „Spanish Bombs“. Niemand will mit mir singen.

An irgendeinem Hafen ist das Buffet aufgebaut. Ich schaffe es, mich nicht zu überfressen. Hätte ich’s mal gemacht! Weil: Das ungewohnte Bergefahren macht Hunger, wie ich später feststelle. Aber in den spanischen Ortschaften, die wir durchqueren, herrscht Totentanz aka Siesta. Unsere Einkehrmöglichkeit: Eine Brasseria in einem idyllischen Wellblech-Industriebau. Essen gibt’s nicht, aber dafür Kaffee und Cola und das hilft ja auch für ein paar Kilometer. 130 hat die kurze Strecke heute und mir reicht das völlig aus. Ich klopfe mir innerlich auf die Schulter, dass ich nicht Tom und den anderen paar Fitfuckern auf die lange Strecke gefolgt bin. Ständig geht es bergauf, Spanien sieht immer gleich aus, mein Rücken meldet sich und ich will jetzt endlich Kuchen.

Den gibt es dann aber erst im Ziel. Innerhalb von 10 Minuten inhaliere ich den täglichen Kohlenhydratbedarf eines Tour-de-France-Teams. Abends gibt es Blutwurst mit Blutwurst an Chorizo und Bratwurst. Wenigstens Fressen kann ich.

 

ERT 17, Prolog: Eine ganz dumme Idee

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Ich werde den Nilpferdkoffer noch bereuen.

Dass ich hin und wieder nicht so schlaue Sachen mache, hatte ich ja schonmal erwähnt. Manchmal kann ich sie erst hinterher einordnen und mich über die eigene Dummheit wundern. Manchmal renne ich aber auch mit voller Absicht ins Verderben. Ich glaube, ich bin gerade dabei.

Ich sitze im Flieger, irgendwo unter mir die 10.000 Kilo-Tasche von der Größe eines mittleren Nilpferds. Den rollenlosen Masochistenrucksack, prall gefüllt mit mit Heimelektronik, Freizeittextil, Radklamotten und 2015 abgelaufenen Regenerationsturbo-Tuben, habe ich heute Mittag zum Flughafen geschleift. Das Ziel: Barcelona. Die WfF-Europaradtour führt dieses Jahr über alle Berge der Pyreänen und falls ich die überlebe, komme ich in zwei Wochen wieder im Baskenländischen Touristenmekka an. Ich hab gewisse Zweifel, und die sind berechtigt.

Fast eineinhalb Jahre sind seit der letzten Europaradtour durch Norwegen vergangen. Eineinhalb Jahre, in denen ich nicht sonderlich viel Fahrrad gefahren bin. Dafür gibt es mehrere Gründe, der wichtigste: ich hab Rücken. Im Lendenwirbelbereich tuts weh, und das nicht wenig. Radfahren macht’s schlimmer und es gab Tage, da hab ich schon nach 20 Kilometern die erste Ibu eingeworfen. „Störfelder“, sagte der kinesiologisch geschulte Orthopäde, „zu wenig Muskeln“ meinte die Osteopathin, „vielleicht Rheuma oder Morbus Reiter“, rätstelte der zweite Orthopäde. „Gebt mir Cortison“, sagte ich dann irgendwann im Sommer und nach einer Woche Tabletten und schlechter Laune gings dann mit den Wirbeln tatsächlich ein bisschen besser.

Leider war der Erfolg nicht von Dauer und so habe ich gut zwei Wochen vor Abflug das gemacht, was wahrscheinlich schon vor einem halben Jahr schlau gewesen wäre: Physiotherapie. Ein sympathischer junger Mann hat mir ein paar Sitzungen lang im Rücken herumgebohrt und mir ein paar Übungen gezeigt, die ich die letzten Tage mehr oder weniger ambitioniert zu Hause nachgeturnt habe. Ich hab das Gefühl, es hilft schon ein bisschen, aber leider gibt’s keinen Last-Minute-Bonus. Aber ich bin vorbereitet: Die Ibuprofen-Vorräte hätten meine Tasche fast über das Gewichtslimit bei Vueling gebracht!

Selbst mit okayem Rücken ist die Form nicht die beste. Wichtigster Ausdauersport war in den letzten Monaten nicht Radfahren und auch nicht laufen, sondern Feiern. Da gibt durchaus Synergien: Diese Gele schmecken auf dem Klo von der Renate zwar nicht besser als auf dem Rad, sind aber praktisch, wenn man sonst nix runterkriegt. Auch personell gibt’s Überschneidungen: Mit Tom habe ich nicht nur einen ausdauernden Begleiter für Berghain & Co gefunden, sondern auch einen geduldigen Sparringpartner für meine gelegentlichen Kuchenrunden. Jetzt muss er in den Pyrenäen darauf achten, dass ich nicht rückwärts die Berge runterrolle.

Als alter Pyrenäenhase war Tom auch ganz entzückt, als er die Liste mit den 98 Pässen gesehen hat, über die wir rüberrollen sollen. Streckenchef Dirk war recht – äääh – ambitioniert, um es vorsichtig auszudrücken. 3000, 4000, 6000 Höhenmeter am Tag? Bittesehr, kein Problem! Ich weiß nicht, ob es der zweite Frühling ist, der Männer ab Mitte 40 ja manchmal ereilen soll. Oder ob er einfach durchgedreht ist ob der Möglichkeiten, die sich da in Nordspanien so bieten. Auf jeden Fall hab ich ein kleines bisschen Angst.

Immerhin hab ich die letzte Woche nicht geraucht und kaum Bier getrunken. Aber auch nur, weil seit Tagen eine Erkältung an die Pforten des Immunsytems trommelt. Für ausreichend Schlaf haben die Vernunft und die Zeit dann aber doch nicht gereicht, so dass ich schon übernächtigt ankomme, bevor der ganze Tags-strampeln-nachts-bloggen-Rhythmus wieder losgeht. Naja, ich tu mein bestes, aber erwartet nicht zu viel. Ich tu das auch nicht.

ERT 2016 Epilog

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Meistens lief es ziemlich harmonisch.

Zwei Tage hat die Rückfahrt mit Auto, Fähren und Fernbus gedauert. Jetzt bin ich wieder hier und das Projekt „Wiedereingliederung“ läuft. Ziemlich zäh, aber läuft. Der Koffer liegt noch herum wie ein ausgeweidetes Urlaubstier. Das Rad lehnt an der Wohnzimmer-Kommode und präsentiert vorwurfsvoll seine verdreckte Kehrseite. Keine Zeit zum Putzen. Arbeit. Pfui Teufel. Wenn ich Euch einen Tipp geben darf: Wenn Ihr die Wahl habt zwischen Büro und Radfahren, nehmt das Radfahren! Fetzt einfach mehr. Immer wenn ich in den letzten Wochen an irgendeinem endlosen Anstieg verzweifelt bin oder den Gegenwind verflucht habe, hat mich der Gedanke an das werktägliche Normalprogramm gleich viel fröhlicher gestimmt. Aber hilft ja nix, mein Konto ist immer noch ein Katastrophengebiet und irgendwo muss das Geld für die Rettungsmaßnahmen ja herkommen.

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Tafeln in der Sonne. Schön, dass wir das Grillgut am Regentag verbraten haben.

Wenn demnächst der Gerichtsvollzieher klingelt oder ich meine Seele dem Teufel überschreibe, kann ich wenigstens sagen: das war’s wert. Eine große Urlaubsrückschau spar ich mir an dieser Stelle, dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass es bisweilen etwas anstrengend war, manchmal umwerfend schön und im großen Ganzen ziemlich geilo. Am Ende kam der epic Shit etwas kurz, dafür hat Norwegen gezeigt, dass es mehr kann als Schnee. 20 Teilnehmer zwischen 29 und 79 Jahren waren am Start und es wundert mich immer noch, dass die sich nicht die Köpfe eingeschlagen haben. Ganz im Gegenteil: Es war so harmonisch wie Mozarts Zauberflöte. Ich hoffe, ich bin ebenfalls niemandem ernsthaft auf den Senkel gegangen.

Ein paar Leute sind ja mehr oder weniger freiwillig im Blog aufgetaucht, hoffentlich zerbricht jetzt niemand am schnellen Ruhm. Danke nochmal an den Schnackerbjörn und den Bazi, den besten Bayern wo jibt, fürs Spacerbesorgen, Steuersatzeinstellen und die gute Laune. Sollte ich dem Höhenmeter-Johannes mal wieder auf dem Rad begegnen, hat er Redeverbot. Sein Humor ist trocken wie meine Trinkflaschen nach 100 Hochsommerkilometern, jedes Mal, wenn er was sagt, kann ich vor Lachen nicht mehr treten. Vom Pfeffiboy soll ich ausrichten: Er sucht ne Freundin. Im Norwegen-Tinder findet man ja nur Männer mit aufgeschlitzten Tieren, da sind die Chancen hier womöglich besser. Ich kann den Jung jedenfalls empfehlen, ist unterhaltsam, trinkfest und hat nen brauchbaren Musikgeschmack. Wenn ich Bedarf hätte und ein paar Jahre jünger wäre, würde ich’s mir ja überlegen. Anfragen werden vertraulich behandelt.

Ansonsten gebührt der größte Respekt dem WfF und allen Orga-Beteiligten:

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    Claudia, ihre Jungs und Alex. Ohne sie wär alles doof.

    Streckenmänz hat sich viele Abende um die Ohren geschlagen, die er viel schöner mit der fabelhaften Herlind hätte verbringen können, um uns unter anderem die schönsten Tiefschneegebiete Norwegens zu präsentieren.

  • Claudia hat uns mit schmalem Budget nicht nur schicke Unterkünfte organisiert, sondern sich auch durch Norwegische Supermärkte gekämpft und alles getan, damit die hungrigen Radfahrer alle satt und zufrieden sind. Ich war nichtmal aus den Radklamotten raus, da hat sie mir schon das Wifi-Passwort der jeweiligen Unterkunft verraten. Groß!
  • Marietta saß tagsüber auf dem Rad und hat dann abends ganz ohne Großküche delikate Dreigangmenüs für uns alle improvisiert. Außerdem hat sie manchmal morgens ihren Espresso mit mir geteilt, muss ich mehr sagen?
  • Stefan war nur eine Woche da, hat da aber durchblicken lassen, dass er eh der Topchecker ist.
  • Und Alex? Ist überall, schläft selten, macht und tut, spielt jeden Morgen Koffer-Tetris und findet nebenbei im Kopf 20 Lösungen für Probleme, die er nichtmal hat. Ein Phänomen.

Alles in allem also ein Verein, den ich trotz seines scheußlichen Logos wärmstens empfehlen kann, deshalb hier noch etwas Werbung: WfF steht für Wir fahren Fahrrad, und das tun die dann auch ein paarmal im Jahr. Norwegen war die vorgezogene Sommertour, das ist es aber wahrscheinlich noch nicht gewesen für 2016. Aus Insiderkreisen hört man was von einer Reise nach Süden im Herbst, nix genaues weiß man nicht. Wenn man mit Mehrbettzimmern klarkommt und keine Pauschalreisen-Anspruchshaltung hat, sind die Touren jedenfalls eine fabelhafte Geschichte für überschaubares Budget. Entweder man kommt danach nie wieder oder man wird Stammgast. Ich glaube, die meisten, die mit in Norwegen waren, müssen da nicht lange überlegen.

ERT Tag 11: Noresund – Bergen

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22:12 h in Norwegen. Die Sonne lacht, Liszt trinkt.

Letzter Tag, Finale! Nachdem wir die einsamsten Schneewüsten durchquert haben, auf den höchsten Gipfel gekraxelt sind und uns im eisigen Fjordwasser fast die Zehen abgefroren haben, sollen wir heute in die Zivilisation zurückkehren. Gestern gab es bereits einen Vorgeschmack. Der Hardangerfjord ist für norwegische Verhältnisse schon ziemlich dicht besiedelt. Mehrere Supermärkte an einem Ort! Fast wie in Oslo. Unsere Campinghütten liegen außerhalb, aber das macht nichts, solange einem freundliche Menschen Bier mitbringen. Detox? War das was? Ik fahr Rad, das ist gesund genug.

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Ungewaschen und im Schlafanzug. Kein Wunder dass die Lämmer nicht besonders zutraulich waren.

Die Nacht wird dank Blog wie immer lang, meine Augenringe sagen, ich bin um fünf Jahre gealtert in den letzten 10 Tagen. Ist aber egal, denn der Morgen bietet pures infantiles Vergnügen: Lämmer! Die Weide neben unserem Quartier hatte ich gestern gar nicht bemerkt. Heute morgen dann schon, als ich noch im Nachtgewand und ungewaschen zum Kaffeeholen über die Wiese stolpere. Lämmer also. Haben wir die letzten Tage öfter gesehen und jedesmal entfuhr mir ob der geballten Niedlichkeit ein aufgeregtes Quietschen. Heute kann ich eins anfassen! Vielleicht. Weil die Tiere nicht zum Zaun kommen, steige ich eben drüber. Die Schafe sind zwar nicht sonderlich an der Irren im Schlafanzug interessiert, aber in wenig Wolle bekomme ich dann doch noch zu fassen. Endlich. Jetzt ist der Rest der Tour auch egal, besser kann das eh nicht werden.

Ein letztes Mal in Norwegen aufs Rad schwingen. Schnacker-Björn und der Bazi, der heute Geburtstag hat, basteln nochmal am Steuersatz, mit Erfolg. Jetzt läuft alles so wie es laufen soll. Allerdings nicht besonders weit. Wir sind noch keine 5 Kilometer unterwegs,

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Gut, dass ich Radfahre und kein Rafting mache.

da müssen wir zum ersten Mal anhalten. Ein Wasserfall. Die sind hier zwar so häufig wie vegane Cafés in Prenzlauer Berg, aber hinter diesem hier kann man durchgehen und sich dabei nass spritzen lassen. Und das müssen wir natürlich auch alle machen. Fototermin! Wenn das jetzt wieder so ein Tag wie gestern wird, seh ick schwarz für das Räderverladen um 18 Uhr.

Mit dem Kletterjohannes und Pfeffiboy geht es Richtung Buffet, endlich auch mal wieder ein richtiger Berg. Dafür, dass das der elfte Tag im Sattel ist und ich keinen Krümel Ibu intus habe, läuft das ganze ziemlich passabel. Nicht ganz so schwungvoll wie gestern, aber gut. Hat sich das Sufferfest der letzten Tage doch gelohnt. Ein Jammer, dass das heute schon er letzte Tag ist. Ob ich die Stahlbeine bis zum Paarzeitfahren des ESK in drei Wochen retten kann? Ich hab Zweifel. Da müsste ich ja in Brandenburg trainieren. Schade, dass die Havelchaussee nicht am Fjord liegt. Und Rapsfelder sind ja nicht hässlich, aber es fehlen

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Läuft.

einfach die schneebedeckten Berge im Hintergrund. Und dann sind da ja auch noch die Brandenburger Autofahrer. Die in Norwegen sind viel netter. Vor allem, weil es so wenige gibt.

50 Kilometer, Buffetpunkt nach einer Abfahrt. Der Verpflegungs-Ford ist noch nicht da, dafür gibt es eine kleine Bäckerei mit Kaffee und all diesem interessanten norwegischen Gebäckzeug. Ein Trupp von norwegischen Jung-Rennfahrern drängelt sich da auch rein, muss also gut sein, die wirken jedenfalls recht drahtig und sportiv. Stunden später geht es weiter, zum Glück erstmal bergab. Schon wieder Kitsch-Fjordnorwegen. Zum Glück nicht mehr ganz so übertrieben wie gestern, so dass man sich weitere Fotostopps verkneifen kann.

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Waaaaah! In 10 Minuten so viele Autos wie vorher in 10 Tagen nicht.

Johannes und ich sind jetzt nur noch zu zweit unterwegs, Peffiboy ist zu den Kurzstreckenfahrern übergelaufen. Viel verpasst er nicht. Die Strecke läuft nun auch an vielbefahrenen Straßen entlang. Jetzt wird klar, wo die Menschen sind, die zu den ganzen Hütten im Nirgendwo gehören. Alle hier! „Wie Ludwigsfelde mit Bergen“ klagt Johannes und denkt laut über eine Vergnügungssteuer-Rückerstattung nach.

Immerhin haben wir noch Gelegenheit, in den Bergener Suburbs ordentlich Höhenmeter zu sammeln. Klar. Heißt ja auch Bergen. Haahaa. Oh mann, schnell weiter bevor es zu flach wird: Wir schlängeln uns über Radwege ins Zentrum durch. Man sieht hier viele Zivilisten auf Rennrädern, außerdem einige E-Bikes. Alle sind jedenfalls ziemlich flott unterwegs, dagegen sind die Berliner eine träge Bande Hollandradfahrer. Im Zentrum dann Kulturschock: Scheint ja eine hübsche Stadt zu sein – aber so viele Leute! Pfui Teufel! Ich will zurück in den Schnee! Ich glaub, meine Menschenallergie ist schlimmer geworden in den letzten Tagen in der norwegischen Einsamkeit.

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Mänzlind freuen sich, dass sie bald wieder im Doppelzimmer schlafen dürfen.

Wir widerstehen der Verlockung, irgendwo ein teures Innenstadt-Bier zu trinken und kämpfen uns stattdessen bis zur Herberge vor. Die liegt – welch ein Wunder – auf einem schön steilen Berg. Weil wir die gelbe WfF-Fahne nicht auf Anhieb finden, gibt es noch ein paar Extra-Höhenmeter. Klar, bin ja auch mit Johannes unterwegs. Die Ersten sind schon frisch geduscht, als wir ankommen. Janett freut sich, dass sie auch den letzten Tag heil überstanden hat, Stefano, der Helmut Schmidt des WfF, pafft teure Norwegerzigaretten weg. Und Marietta wuselt schon wieder in der Küche herum und zaubert aus allen möglichen Resten ein fabelhaftes Abendessen.

Erstmal Bier holen gehen. Zum Supermarkt sind’s keine 200 Meter. Die Zivilisation hat doch ihre Vorteile.

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