ERT 17, Tag 5: Das Konformitätsexperiment

Große Gruppe bei kleiner Pause.

Ein Team ist im besten Fall mehr als die Summe seiner Mitglieder. Im schlechtesten fällt der Saldo negativ aus. Ich glaube, bei uns war gestern eher letzteres der Fall. Was auch daran lag, dass irgendjemand die Defekthexe in unsere Gruppe eingeladen hat.

Das war überflüssig, denn eigentlich sind wir vom Start weg schon genug Leute. Die Langetappe ist mit 140 Kilometern diesmal recht überschaubar, das bekommen auch die nicht so Größenwahnsinnigen hin, zumal uns in San Sebastian ja ein Ruhetag erwartet. Wir brechen also zu elft in Pamplona auf – kommen aber nicht allzu weit. Noch in der Stadt stelle ich fest: Mein gerade aufgepumpter Hinterreifen ist platt. Der aufmerksame Leser weiß: Das hatten wir schonmal. Nach dem großen Erfolg von „Pannen in Spanien“ I, II und III nun also die Fortsetzung. Nur weiß man ja spätestens seit Alien 3, dass solche Sequels irgendwann auch ausgereizt sind. Wie auch immer, diesmal habe ich die Fitfucker an meiner Seite und die können nicht nur schnell Radfahren, sondern auch schnell Schlauchwechseln. Nur etwas beunruhigend, dass ich jetzt keinen Ersatz mehr habe.

Einen Fahrradladen werde ich wohl frühestens in San Sebastian finden. Selbst wenn es auf der Strecke einen gäbe: Er hätte mit Sicherheit zu. Wenn ich eins gelernt habe in fünf Tagen Spanien, dann dass die Einkaufszeiten streng limitiert sind. Die Läden haben wenige Stunden am Vormittag auf und dann nochmal kurz am Abend. Eine sympathische antikapitalisitische Einstellung, aber durch die Berliner Spätikultur bin ich nunmal völlig verkorkst. Auf jeden Fall: Ersatzschlauch is nich, ich muss bei der Gruppe bleiben, denn hinter uns wird auf der langen Strecke nicht mehr viel kommen.

Das Baskenland ist mir sympathisch.

Im Rudel fährt es sich deutlich flotter als allein, aber dafür tut’s auch mehr weh. Vor fünf Tagen waren die Beine untrainiert aber wenigstens ausgeruht. Inzwischen schmerzen Muskeln, von denen ich gar nicht wusste, dass sie noch da sind. Außerdem piekt der Hintern, die Hände scheuern, der Nacken zieht und der Rücken sowieso – Ibu wäre jetzt so schön, aber bis zum Ruhetag will ich ohne auskommen. Außerdem geht es anderen auch nicht so viel besser. Als wir nach gut 40 Kilometern für ein zweites Frühstück anhalten, protestiert jedenfalls keiner. Da das erste Frühstück für mich weitgehend ausgefallen ist, kaufe ich zum Kaffee alles Essbare, was ich finde. Kakao, Kinder Bueno und das letzte eingeschweißte Madeleine. Radfahren macht anspruchslos. Und die Stärkung zahlt sich aus, denn bald wird es bergiger. Gruppefahren is nich, ab 7 Prozent Steigung kämpft für sich allein und ich schlage mich gar nicht so schlecht. Mit Herlind und Johannes habe ich zwei Mitfahrer mit deutlich besserem Power-to-weight-Verhältnis vor mir, die will ich nicht aus der Sichtweite verlieren.

Tu ich auch nicht, denn just als der erste Teil des Anstiegs geschafft ist, sprengt Christian seine Kette. Zum Glück hat der Salamandermann nicht nur einen brachialen Tritt, sondern auch ein gut ausgestattetes Ersatzteillager, allerdings im Auto. In den 20 Minuten, die wir auf den Materialwagen warten, versuche ich meine Mitfahrer mit den Lautäußerungen der Gänsegeier vertraut zu machen („gegegegeg“, „gagaga“ , „kak-kak“, wer weiß wozu man das hier noch braucht). Nur das Tierchen und Schorsch bekommen die Lektion nicht mehr mit, weil sie schon weitergerollt sind. Dürfen die das? „Ja“, sage ich als Individualist. „Nein“, sagen die Kollektivisten. Willkommen zum ERT-Konformitätsexperiment: Wo hört Teamwork auf, wo fängt Gruppenzwang an? Das gibt auf jeden Fall noch reichlich Potential für Lagerkoller.

Als Tom wenig später mit plattem Reifen dasteht, entscheidet die Schwarmintelligenz, dass Weiterfahren für alle besser ist, zumal hier oben im Pyrenäenvorland auch bald ein Wetterumschwung droht. Tom ist schnell und Sascha, der bei ihm bleibt, auch. Die beiden werden auch ohne das Rudel durchkommen. Zumal die Gruppe ja sowieso ständig auf irgendwen warten muss. Meistens auf mich, die ich ja neuerdings die Abfahrten nur noch herunterkrieche. In der nächsten Stadt haben uns die beiden Leistungsträger auch schon wieder eingeholt. Schorsch dagegen wird überholt, der Eclair-Bär kommt gerade vom Bäcker zurück und nimmt mit uns nun den letzten Berg in Angriff.

Oben erwartet uns ein Anblick, der für mich überraschend kommt: Das Meer. Richtig, San Sebastian war ja der Grund, weshalb ich meinen Bikini eingepackt habe. Wenn das so weiter geht, werde ich den aber nicht brauchen, weil wir sowieso erst übermorgen ankommen. Tom hat sich das Hinterrad verzogen – also nochmal anhalten zur Bastelstunde. Ist jetzt ja auch schon egal. Eine letzte lange Abfahrt, nach der schon wieder alle auf mich warten müssen, und endlich geht es rein ins schmucke San Sebastian. Wird auch Zeit, ich bin müde und hab Hunger. Ein letztes Gruppenbild am Strand – die Defekthexe darf nicht mit drauf – schnell schnell, alle wollen endlich ins Hostel. Am besten in Einzelzimmer.

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