ERT 17, Tag 9: Unterwegs mit Werner Mies

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200 Meter dahinter steht der Schein-Bär.

„Wer sich am Ruhetag noch bewegen will, der hat nicht ordentlich trainiert“, hat Toms alter Trainer Werner Mies gesagt. Am Ruhetag bewegen? So weit darf es auf keinen Fall kommen! Und die Chancen, sich ordentlich in den Bett+Bier-Modus zu fahren, sind gut. Vier Pässe, 160 Kilometer – fürs Sufferfest fehlt eigentlich nur noch schlechtes Wetter, aber das soll es heute nicht geben. Nachdem ich gestern auf der Tourmalet-Abfahrt fast erfroren bin, ziehe ich mich trotzdem an wie für eine Sibirienexpedition.

Zu warm“, stelle ich fest, als ich die ersten Meter des Peyresourde hochkurbele. Läuft trotzdem ganz gut und Tom, der sich unten verquatscht hat, muss sich fast ein bisschen anstrengen, um zu mir aufzuschließen. Jetzt, wo ich so langsam in Bergform komme, wollen wir endlich mal zusammen fahren, und zwar die lange Route. Auf dem Weg zum nächsten Col, dem Port de Balès, holen uns Salamanderchristian und Sascha ein. Sollen die Fitfucker mal fahren, ich mach gemütlich, dehne meinen Rücken und guck mir die Gegend an. Sehr idyllisch hier. Ich hab mir die Pyrenäen viel karger vorgestellt, nicht so grün. Tom denkt laut über ein Chalet am Fuß des Peyresourde nach. Ich versuche ihm das auszureden. Keine Zivilisation! Keine Spätis! Keine Leute zum drüber aufregen!

Auf dem Gipfel treffen wir die anderen wieder. Fotomachen, abfahren. Also: die anderen fahren ab, ich bremse runter. Es ist schließlich eng und mal wieder nass und dreckig und vielleicht auch glitschig, man weiß ja nie hier in Pyrenähenländria. Ein paar Kehren später stehen die drei Berggötter am Straßenrand. Christian ist gestürzt und seine linke Hand sieht aus wie ein Splatterfilmstatist. Nicht gut. Telefonieren is nicht wegen Funkloch, also rollen wir zum nächsten Ort weiter, wo der Verletzte später abgeholt wird. Sascha und Ulrich bleiben noch bei ihm, ich muss ans eigene Überleben denken und rolle mit Tom in Richtung Pass Nummer 3, den Portillon.

Vorher brauchen wir aber noch was zu Essen, weil es heute auf der langen Strecke kein Buffet gibt. In Luchon, einem edlen, leicht verrottenden Kurort, werden wir fündig. Es gibt Waffeln, Blaubeercrepe, Kaffee, noch einen Kaffee und – was soll der Geiz – noch einen Kaffee. Und danach gibt es Berg. Leichtes Spiel fürs Team Koffein! Zumindest kurbelt sich der Portillon ziemlich entspannt im Plaudertempo. Nur warm ist es. Ich will die dicken Merionarmwärmer loswerden. Und die Schuhkappen und die Kniewärmer am besten auch gleich. Aber is nich. Wehe, es wird nachher nicht richtig kalt!

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Irgendein Denkmal für irgendwelche Radsportler, die hier mal raufgefahren sind.

Auf dem Col steht die Polizei. Zum Glück sind die nicht wegen uns da, sondern weil das hier die Grenze zu Spanien ist. Au revoir France! Es war schön hier die letzten drei Tage, man kann ungechlortes Trinkwasser aus dem Hahn trinken, die Pässe haben Namen, die man aus Funk und Fernsehen kennt, und ich kann mich halbwegs verständigen. Dafür begrüßt uns Spanien mit einer Abfahrt, an der sogar ich Spaß habe.

Der letzte Berg vorm Ruhetag beginnt ziemlich harmlos. Breite Straße mit Verkehr drauf und man merkt gar nicht richtig, dass es die ganze Zeit bergauf geht. Komische Wintersportorte, aber alles noch ziemlich belebt. Eine letzte Pinkel- und Dehnpause, schnell noch den letzten Riegel in den Kopf geschoben, das Zeug muss ja weg. Weiterkurbeln. Es wird einsamer. Und steiler. Macht aber noch Spaß und die Gegend fetzt auch. In der Abendsonne wirken die Pyrenäen fast aquarellartig hingepinselt.

Noch 30 Kilometer bis zur Unterkunft, das sollte zu machen sein vor Sonnenuntergang. Aber nur, wenn ich demnächst mal was zu essen bekomme. Aber das wird schwierig. Der letzte Wintersportort vorm Gipfel ist noch im Sommerschlaf. Hotels und Restaurants sind verwaist, Cola- und Snäckautomaten sind leer. Um 6.52 Uhr schaut Tom auf sein Garmin. Wir sind genau 6 Stunden 52 unterwegs. “Wenn Fahrtzeit und Uhrzeit übereinstimmen, steht hinter der nächsten Kurve eine mobile spanische Caféteria, hat mein alter Trainer Werner Mies gesagt” sagt Tom. Stimmt aber dann doch nicht, leider.

Ich merke wie die Kraft aus meinen Beinen schwindet, Hungerastalarm! Zum Glück haben wir noch ein letztes Gel dabei, meine Rettung. Was könnten wir denn gleich alles essen? Bocadillo, Steak oder doch lieber einen Berg Kartoffeln? Egal, ich nehm alles! Irgendwann eine Skistation. Ein breiter Parkplatz, ein Gipfelschild: Port de la Bonaigua, 2072 Meter. Kennt man nicht, muss man auch nicht kennen, ist in dem Moment aber der schönste Col der Welt. Tom muss sich erstmal hinsetzen und eine rauchen. Ich muss herausfinden, was das für ein Tier ist, das da 200 Meter vor uns auf einer Wiese steht. Sieht aus wie ein Bär, die solls hier ja geben. Es bewegt sich nicht. Hoffentlich bleibt das auch so, wenn ich gleich vorbeifahre.

Der Bär erweist sich als Pferd. Und meine warmen Klamotten erweisen sich jetzt als sehr nützlich. Auf der 20 Kilometer langen Abfahrt freue ich mich jedenfalls über jede Extraschicht, die ich die letzten 140 Kilometer mitgeschleppt habe. Dass die Kälte eine gute Ausrede ist für meine Langsamkeit, muss ich wahrscheinlich nicht extra erwähnen. Immerhin schaffen wir es rechtzeitig vor 20 Uhr in den Supermarkt unseres luxuriösen Ruhetagsortes. Panikkäufe in Radlerkluft. Brot, Wurst, Bier, damit wir uns heute bloß nicht mehr zum Essengehen bewegen müssen. Werner Mies hätte das gefallen.

PS:  – Gute Besserung Christian!
– Danke Susi, beste Quartierorganisateurin, für diese perfekte Ruhetagsunterkunft! Rapha-Travles hätte uns nicht schöner unterbringen können.

 

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Ein Gedanke zu „ERT 17, Tag 9: Unterwegs mit Werner Mies

  1. Ronald sagt:

    Schöner Bericht von der Pässe-Tour und toller Blog allgemein, macht Spaß ihn zu lesen.
    vielleicht sehen wir uns ja alle nächstes Jahr bei der Friedensfahrt oder der Tour der Leiden, da weiß der Tom meist Bescheid.
    Viele Grüße von der Dresdner Rasselbande!

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