ERT 17, Tag 10: Li-La-Laune-Liszt

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Da braut sich was zusammen. Inzwischen bin ich so gut gelaunt wie Chuckie die Mörderpuppe.

Mit dem Lisztschen ERT-Ausbruch ist es wie mit einem Sturmtief: Man weiß, dass es kommt. Man weiß nur noch nicht genau, wie heftig es ausfällt und für wen es besonders gefährlich wird. Diesmal sind zum Glück alle Beteiligten ziemlich glimpflich davongekommen.

Der Ruhetag in einem komfortablen spanischen Ski-Resort war zwar ziemlich bewegungsarm, viel geschlafen habe ich aber leider nicht. Unser Apartment war in der Luxusherberge nämlich sowas wie der Friedrichshain in Berlin. Abends waren plötzlich alle Amüsierwilligen da und wollten trinken, dabei wollte ich eigentlich nur ein bisschen bloggen und früh ins Bett.

Morgens sind wir dann natürlich auch wieder die letzten, die loskommen. Wir, das sind heute ich und die Fitfucker, also Sascha und Tierchen und Tom, minus Christian, der wegen der kaputten Hand abreisen musste. Auf den ersten 40 Kilometern gebe ich einen würdigen Ersatz ab. Das ist nicht schwer, weil es Rückenwind gibt und leicht bergab geht. Wir sind jedenfalls ziemlich schnell und ich habe auch noch ziemlich gute Laune. Es ist warm und sonnig und meine Beine haben den Ruhetag offenbar besser zum Erholen genutzt als der Rest von mir.

Am ersten Berg des Tages läuft auch noch alles rund. Keine bösen Steigungen, nach und nach sammle ich die Genussradler der ERT ein. Die letzten Tage haben sich ja einige dem Pässejagen entzogen und sich wegen Schäden an Mensch und Material lieber ins Begleitfahrzeug gesetzt. Der 17 Jahre alte Bonzen-BMW mit eigenem Telefax-Anschluss ist vermutlich einfach zu komfortabel. Heute sind aber die meisten wieder auf der Strecke und kämpfen sich nun den Port del Cantó hoch. Oben auf dem Gipfel bei Kilometer 54 soll das Buffet aufgebaut sein. So hieß es noch am Morgen und damit habe ich auch gerechnet. Die Verpflegungscew steht dann aber schon bei Kilometer 48, mitten am Berg! Ich glaub, es hackt. Was soll das denn? Denkt denn hier niemand an Strava? Und an meinen Magen? Der ist im Bergmodus, gefressen wird erst oben, basta!

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Langweiliger Gipfel.

Ich halte trotzdem kurz an und muss erfahren, dass Tom und Sascha vorbeigebrettert sind. Also Flasche füllen, Stulle schmieren und einpacken und weiter geht’s. Nach einem Kilometer kommen mir die beiden Gipfelstürmer entgegen. Waren schon oben, wollen jetzt essen. Aha. Na dann macht mal. Ich bin ja versorgt. Nur dass ich oben feststelle, dass meine Flasche unten am Buffet steht. Sollen die mir eben gleich mit hochbringen, ich fahr da auf keinen Fall nochmal runter. Der Berg ist eh versaut durch den Zwischenstop. Gefühlte Stunden vergehen, bis meine Wasserträger wieder da sind. In der Zwischenzeit hab ich meine Stulle aufgegesen und hätte gern mehr davon. Außerdem musste ich mir Motorradfahrerdialoge in breitestem Fränkisch mit anhören und hab richtig schlechte Laune bekommen. Das merkt auch Tom, aber ich hab ihn ja schon gewarnt, dass der Tag des Zorns irgendwann kommen wird.

Ich stürze mich in die Abfahrt, die leider so flach ist, dass ich noch richtig treten muss. Na toll, ausgerechnet jetzt, wo ich so schön im Aggro-Hochrisiko-Modus bin. Anhalten, ich brauch Musik. Peaches singt Sick in the head: “Going out you haven’t seen the worst of me yet!” Mein Lied. Sascha steht an irgendeinem Mirador und macht Bilder, Tom ist irgendwo hinter mir und traut sich hoffentlich nicht mehr ran. Ich will die nächsten Kilometer niemanden mehr sehen. Außer vielleicht meine Eingeweide, die ich womöglich irgendwann auskotze, wenn ich in dem Tempo weiterhechle.

Die Laune bessert sich, als ich eine Tankstelle erreiche. Cola für die Trinkflasche und ein Müsliriegel für schlechte Zeiten. Das hier, La Seu d’Urgel, ist schon der heutige Zielort, doch der Streckenplaner schickt uns erstmal nicht ins Hotel, sondern schnell noch in ein anderes Land: Andorra. Ich biege gerade in die Straße ein, die ins Steuerparadies führt, da stelle ich fest, dass mein Hinterreifen mal wieder massiv Luft verloren hat. Okay Karma, I got it. Tom und Gina kommen vorbei und halten an. Gut dass ich mich inzwischen wieder halbwegs eingekriegt habe.

Reifenwechsel, es geht leicht bergauf weiter, aber das merke ich nichtmal. Was ist mit meinen Beinen los heute? Sind die taub? Oder bildet der Körper jetzt natürliches Ibuprofen, nachdem ich ihm keins gebe? Egal, weitermachen. An der Grenze von Andorra verliere ich die anderen, weil ich noch ein Bild machen muss. Ganz schön hässlich hier. Einkaufstempel, gebaut für Leute, die beim Shoppen kein Erlebnis suchen. Tankstellen, die den Hauptumsatz mit Alkohol und Tabakwaren machen.

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Ich wollte ein Bild vom Andorraortsschild. Die anderen Typen aber auch.

Ich muss irgendeinen Berg hoch. Es gibt heute zwei, doch der eine von beiden soll langweilig sein, den fährt heute eh keiner. Also nehme ich die erste steile Rampe, die sich bietet und stelle fest, dass ich richtig bin, als ich irgendwo ein paar Serpentinen über mir Dirk und Herlind und Gina erspähe. Blöder Berg, dieser Collada de la Gallina. Klingt wie ein Nachtisch, ist aber bitter. Babypopoasphalt, aber zu steil. Und zu lang. Komme ich überhaupt mit meinem Wasser hin? Verliert mein Hinterrad schon wieder Luft oder wieso klebt das wie Pattex? Und wo bleibt mein körpereigenes Ibuprofen? Peaches singt immer noch. “I don’t wanna loose you”. Sie meint das sicher anders, aber ich beziehe das auf die körperfettbefreiten Bergziegen, die da vor mir munter hochkurbeln. Dranbleiben. Oder zumindest nicht zu weit abfallen. Immerhin ist Andorra nicht mehr ganz so hässlich, wenn man von oben drauf guckt. Trotzdem würde ich jetzt gerne mal wieder runterfahren.

Endlich der Gipfel. Die anderen warten schon und machen Fotos. Mehr als Aussicht gibt’s hier oben nicht. Die ganze tolle Auffahrt wurde nämlich nur asphaltiert, weil hier vor zwei Jahren die Profis von der Vuelta hochgeprügelt sind. Welch sinnloser Berg! Aber trotzdem nett, wenn man die Abfahrt mag. Schnell raus aus Andorra, vorbei am kilometerlangem Zollfreitouristenstau. Als wir am Hotel ankommen, hab ich richtig Hunger und auch wieder ziemlich gute Laune und rauche mit Tom erstmal eine zollfreie Zigarette. Die Ruhe nach dem Sturm.

 

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