Archiv der Kategorie: Allgemein

ERT Tag 8: Aurland – Geilo

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Falco hatte bessere Hits als „Out of the dark“. Aber heute is das mein Lieblingstext.

Gestern gab es 80 Regenkilometer bis zur Speed-Fähre. Mit der heizten wir dann über den Fjord nach Aurland, wo wir in so einer Art Campingplatzkantine auf unser Gepäck warten mussten. Das war durchaus erheiternd, ich habe die Zeit und mein Datenvolumen nämlich genutzt, um bei Tinder die schönsten „Weib, ich war jagen!“-Bilder zu suchen. In Berlin posieren die Typen ja gern mit Kokosnüssen am Strand oder in In-die-Luft-hüpf -guckt-mal-meine-Lebensfreude-Pose. In Norwegen halten sie gern tote Tiere in die Kamera. Rebhuhn, Hecht, Elch – Hauptsache blutig und die Eingeweide fallen schon raus. Ich glaube, ich starte demnächst einen Tote-Tiere-auf-Tinder-Tumblr. Daneben gibt es noch weitere Sorten Tinderianer: Die, die apathisch auf dem Sofa sitzen, Augen halb geschlossen. Und die urbaneren Typen, die auf jedem Bild ein Glas Wein oder Likörchen in der Hand halten. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Alkohol hier als Statussymbol gilt. Wundern würde es mich jedenfalls nicht.

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Willkommen zur Expedition ins wunderschöne Mordor!

Aber ich wollte ja übers Radfahren schreiben. Der Morgen ließ nichts allzu Gutes erahnen: Das friedliche Aurland lag im feuchten Nebel. Weder ich noch meine Hüttengenossen, der Pfeffiboy und der verrückte Johannes, hatten es besonders eilig, loszukommen. Alle alle anderen waren schon lange weg, als wir aufbrachen. Drei mutige Hobbits auf dem Weg nach Mordor. Naja, zumindest sahen die grau verhangenen Felsen nicht gerade einladend aus. Beeindruckend natürlich schon. Aber das ist Mordor ja irgendwie auch.

Eine Ampel, die erste, seit wir Oslo verlassen haben. Sie ist quasi der Eingang zum Pfad der Finsternis. Ab jetzt wird es nämlich tunnelig. Und weil das allein nicht reicht, fängt auch noch der Anstieg an. Kriegt man im Dunkeln zum Glück nicht so mit. Feucht und kalt ist es da unter den Bergen. So mag es auch der Gollum. Den treffen wir zum Glück nicht, dafür aber die Nachzügler des Hauptfeldes.

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Der Bazi, auf Gazelle reitend.

Kaum ist man aus einem Tunnel raus, fängt der nächste an, es lohnt sich garnicht, die Sonnenbrille aufzusetzen. Tunnel. Hätte man den Rest vom Berg nicht einfach mit sprengen können? Gut, dass mir Johannes am Morgen noch sein Notlicht gegeben hat. Meine beiden Frontleuchten sind nämlich beide gestern kaputtgegangen. Note to myself: Kettenfett besser nicht einfach in die Tasche mit dem übrigen Radzeug werfen! Aber mal ernsthaft, Norweger: Wenn Ihr schon mehr Wasserkraftwerke als Einwohner habt, könntet Ihr wenigstens mal das Licht in Euren Tunneln anknipsen. Iron Maiden im Ohr: „Fear of the dark…“

Meine beiden flinken Reisebegleiter sind in der Finsternis verschwunden, dafür leistet mir jetzt Max Gesellschaft. Der Bazi aus Garmisch, fein. Er hat Licht, eine Reflektorweste und gute Laune. Die wird auch nicht schlechter, als es hinter jedem Tunnel etwas weißer wird. Klar, der kommt aus den Alpen, der ist Schnee gewohnt. Hatte ich schon gesagt, dass ich das weiße Elend echt nicht mehr sehen kann? Statt alberner Schneekanonen sollte man lieber mal riesige Föhns bauen, mit denen man hier schnell alles abtauen kann. Wobei, diesmal ist die Landschaft schon wieder etwas anders als bei den letzten Expeditionen ins ewige Eis. Hat was. Stromtrassen. Zeichen von Zivilisation. Wir bolzen durch einen 4 Km langen Tunnel, an dem Radler extra einen Lichtknopf drücken können. Leicht bergab, es ist wie fliegen, nur kälter.

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Bei der Aussicht kann man sich natürlich nicht vom  Buffet losreißen.

Als wir wieder rauskommen, ist es fast schon wieder sonnig. Man sieht auch wieder Landschaft in anderen Farben als in weiß. Ist das jetzt Mordor? Hatte ich mir zwar wärmer vorgestellt und mit mehr Orks, aber so gefällts mir eigentlich auch besser. Feuerwerklandschaft: Aaaaaaah! Oooooooh! Unfassbar schön. Wie im Rausch rasen wir Richtung Buffet. Das WfF-Café zur schönen Aussicht bietet heute Toast mit Marmelade und Nutella. Und weil ich mich überhaupt nicht losreißen mag, viel zu viel davon.

Ab hier soll’s fast nur noch bergab gehen, 40 Kilometer. Viel zu wenig für das, was ich grad gefressen habe. Johannes und der Pfeffiboy wollen den Abstecher auf die lange Route wagen. Der Streckenchef nicht. 40 Kilometer extra auf Naturstraße, da hat der wohl keinen Bock drauf. Ich eigentlich auch nicht, aber ein paar Kilometer mehr wären schon schön. Also los mit den Jungs – nicht ohne den beiden das Versprechen abzunehmen, dass wir bei geschlossener Schneedecke auf der Straße sofort umdrehen.

Um es kurz zu machen: Der Schnee kommt nach rund fünf Kilometern und ich bin dafür eigentlich auch ganz dankbar. Auf nassem Sand und Schotter hätte unser kleiner Umweg wahrscheinlich 5 Stunden gedauert. Der Höhenmeter-gierige Johannes redet noch etwas von wegen „dahinter wird’s bestimmt besser mit dem Schnee“. Schnell weg hier!

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Am Ziel, Geiloooo!

Die Toasts habe ich dann auf dem Weg nach Geilo verbrannt. Kopp runter und treten, Brandenburg-Modus auf fast ebener Strecke und mit Rückenwind. Ein letzter Berg, endlich ein Geilo-Ortsschildbild und weil noch ein paar Höhenmeter bis zur 2000 fehlten, sind wir dann noch bis zum Sportgeschäft gestrampelt. Statt in Armlinge hab ich mein Geld dann lieber im Supermarkt angelegt. Drei Bier, ne Salami und ein paar Lakritze für 40 Euro. Vielleicht sollte ich doch mal bei Tinder gucken, ob mir jemand etwas von seiner Beute abgibt.

 

 

ERT Tag 6: Vågå –Skjolden

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In Norwegen gibt’s einfach alles. Sogar mehr Schnee als im P1.

Willkommen zu einem weiteren Teil unserer beliebten Reihe „Urlaubstage in Strapazien“. Den Ruhetag habe ich annähernd bewegungslos verbracht. Nach dem Abendessen dann doch mal raus und gucken, was vor unserer Hütte los ist. Ich weiß jetzt, wo Autos zum Sterben hingehen. Sogar ein umgekippter Wohnwagen lag da einfach im Nadelgehölz am Wegesrand herum. Später waren die anderen auf Elchschau, ich habe meinen Koffer auseinandergenommen und meine Armlinge nicht gefunden und nachdem mir keine Flüche mehr eingefallen sind bin ich zum Trinken übergegangen. Mathias hatte eine Flasche Norweger-Pfeffi organisiert. Der ist hier nicht nur fünf Mal so teuer wie zu Hause, sondern hat auch doppelt so viele Umdrehungen. Am Ende des Abends war die Flasche leer und wir bereit fürs Berg-Sufferfest des nächsten Tages.

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Autofriedhof auf norwegisch.

Das Programm hörte sich bei der Streckenpräsentation eigentlich ganz machbar an: Erstmal 60 km um nen See herum bis zum Buffet, dann optional einen Stich auf einen Berg. Hinterher ein langer sanfter Anstieg und danach eine schöne Abfahrt. Klingt harmlos? Dachte ich auch. Der erste Teil verlief auch tatsächlich so bilderbuchartig, dass ich schon befürchtet hatte, der Blogeintrag würde zum Werbetext fürs norwegische Tourismusministerium werden. Sonne, sanfte Wellen, Seen, Holzhütten, Norwegenflaggen, ganz viele niedliche Lämmer und ein fabelhafter Bäcker mit dem besten Kaffee, den ich in den letzten Tagen getrunken habe. Kein Hunger am Buffet, aber für zehn Waffelkekse ist ja immer Platz.

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Immer wenn Du denkst, es geht  nicht mehr, kommt von irgendwo noch mehr Steigung her.

Musik auf die Ohren. Gus Gus‘ Mexiko-Album hat sich schon in den Alpen bewährt, das bringt mich sicher auch diesen „Stich“ hoch. Stich. Einmal hoch, gleicher Weg zurück. Sieht scheiße aus aufm Träck. Aber irgendwo müssen die Höhenmeter ja herkommen. Also los, vorwärts ins Verderben. Es beginnt knackig. Den Teil mit den 16 % Steigung in der Streckenbeschreibung hab ich wohl überhört. Aber meine Beine sind ja ruhetagserholt, besser wird das die nächsten Tage nicht werden. Stravasshole-Modus. Hört die Scheißsteigung mal auf? 12 % fühlen sich jetzt schon fast flach an. Vorne entschwinden Johannes und der Pfeffiboy (bei ihm wirkt das Wundermittel wohl besser als bei mir), hinter mir Mänzlind und Janett.Habe ich die Pausenwaffeln auf den ersten Metern noch verflucht, bekommt das ganze Gefresse plötzlich einen Sinn. Ich freue mich jetzt schon auf das halbe Scone aus der Bäckerpause, das mein Trikot Richtung Kniekehlen zieht. Der Garmin zeigt jetzt auch mal einstellige Steigungsprozente, trotzdem wäre es mir ganz lieb, wenn die Sache ein baldiges Ende fände. Eine Hütte, eine Schranke, eine Mautstraße. Räder kommen problemlos vorbei, schade eigentlich. Am Rand schaufelt ein Bagger im Schnee rum. Schnee?! Meine maximale Jahrestoleranz hatte ich doch vorgestern schon erschöpft! Aber wenn der Schneeschipper hier unten schon zugange ist, wird’s sicher nicht mehr lange gehen. Und noch so eine Irrsinnsorgie wie neulich feiere ich bestimmt nicht. Gus Gus sind fertig. Geht also schon ne ganze Weile. Jetzt den ollen Westbäm. Mit dem bin ich schon auf den Galibier gekraxelt, sollte auch hier funktionieren. 

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Erlaubt ist, was warm hält. Zur Not auch Plastiktüten.

Torgrim kommt mit entgegen gerauscht: „Hab’s nicht bis oben geschafft!“ Komisch, warum dreht der denn um so kurz vorm Gipfel? Wie kann man nur so danebenliegen… Um’s kurz zu machen: Es wird kälter und höher und weißer und nochmal kälter und da wird mir dann auch klar, dass Torgrim sehr weise ist. Steil isses natürlich auch und plötzlich liegt auch wieder Eis auf der Straße, leider kommt man aber irgendwie noch dran vorbei. Gefühlte zwei Stunden später: eine Hütte. Ohne Aussicht und gerade wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Die Anderen kommen. Teils von unten, teils von noch weiter oben, wo Skilifte stehen. Alles Irre und alle feiern sich jetzt dafür, dass sie so bescheuert waren, hier raufzufahren.

Weil ich die Schuh-Kappen neulich beim Schneemarsch ruiniert habe, muss ich heute auf die McGyver-Lösung zurückgreifen und die Brötchentüte vom Sparmarktausflug um die Zehen wickeln. Spaß macht die Abfahrt trotzdem nicht. Zu eisig, zu steil und immer die Angst, dass glühende Felgen einen Reifen platzen lassen. Bremsen muss man hier ja leider, wenn man nicht den kurzen, schmerzhaften Weg nach unten nehmen will. Am Fuß des „Stichs“ sehe ich dann übrigens auch das Schild mit den 15 km bis zum Gipfel. Vielleicht sollte ich meine Strategie der gezielten Uninformiertheit nochmal überdenken.

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Ohne Schnee geht’s hier irgendwie nicht.

Als alle Bekloppten wieder unten sind, gibt‘ Picknick vorm Mini-Coop. Wenn ich hier eins gelernt habe, dann dass man jede Gelegenheit zum Essen nutzen sollte. Anstrengend wird’s ja eigentlich immer. Auf in den zweiten Anstieg des Tages. Der soll sehr lang sein und ziemlich flach. Lang stimmt. Flach irgendwann nicht mehr. Außerdem wird es irgendwann absurd windig, natürlich von der falschen Seite. Norwegen! Was ist denn mit Dir los, Du krankes Land?! Zum Heulen schöne Landschaften, aber zum Kotzen schwere Reisebedingungen. Vielleicht hat der weise Torgrim Recht: Wir sind einfach einen Monat zu früh da. Jetzt liegt jedenfalls noch Schnee, Schnee und noch mehr Schnee. Ich kann’s jetzt echt nicht mehr sehen. Ich will an den Strand bei 30 Grad!

Der Wind sagt: „Dreht um!“ Ich sage: „Ey, soll das ein Witz sein?!“ Anstrengend. Wir kriechen. Irgendwann werden die Schneewände an der Seite aber so hoch, dass sie auch den Sturm etwas abhalten. Und ganz viele Irgendwanns später sind wir oben. Fotoshooting vor Schneewänden. Abfahrt. Ein Auto hält, der Fahrer fotografiert die Radfahrer, die mit debilem Grinsen über die Hügel prüglen. Bislang habe ich ja die Norweger für etwas seltsam gehalten. Langsam fürchte ich aber, dass wir hier die Spinner sind.

 

ERT Tag 5: Fagernes – Vågå Teil II

 

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Die Fahrradwäsche hat nur so mittel funktioniert.

Also los, zurück über den Berg, den wir vor ein paar Stunden schonmal runtergekommen sind, und über ein paar andere Berge auch noch. Läuft jetzt irgendwie nicht mehr so flüssig wie heute morgen. Mein Garmin hat bei unserem Idiotengipfelsturm ja leider ausgesetzt wegen Langsamkeit. Aber ich habe bestimmt 5000 nicht aufgezeichnete Kalorien verbrannt und das macht sich langsam bemerkbar. Der letzte Riegel ist in der Satteltasche. Den will ich noch nicht anrühren, man weiß ja nie, was kommt. Erstmal lange nix. Häuser mit Norwegern davor. Aber ein richtiger Ort, so mit Supermarkt? Is nich. Sind die hier alle Selbstversorger? Vielleicht haben die auch begehbare Tiefkühltruhen im Keller. Aber mal eben fürs Abendessen zu Lidl flitzen, kannste vergessen. Gruselige Vorstellung für den spätiverwöhnten Berliner.

 

Wie aus dem Nichts ein Schild: „Spar 5 km“. Wir sind gerettet! 5 km, auf die kommt es jetzt auch nicht mehr an. Oder doch? Vorne kurbeln Johannes und Mathias stoisch leicht bergauf gegen den Seitenwind, ich finde hinter Mänzlind keine gute Position und merke, wie die Kraft aus meinen Beinen schwindet. „Fahrt mal, wir sehen uns da!“ Keine Ahnung, ob das jemand hört, aber es scheint auch keinen zu interessieren. Niemand dreht sich um, als ich reißen lasse. Merken die was? Ich bin es ja gewöhnt, dass man Sterbende nicht einfach so zurücklässt. Aber im Moment sind alle nur noch mit dem eigenen Überleben beschäftigt. Ich schleppe mich mühsam voran, während sich die anderen immer weiter entfernen. Ich bin schwach, aber nicht zu schwach, um mich in Rage zu fluchen. Die Penner. Mit den heimischen Trainingskumpels wär das nicht passiert! Grollend und mit Tränen in den Augen kämpfe ich mich voran. 5 km können sehr lang sein, wenn man vom Mann mit dem Hammer bearbeitet wird.

 

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Kvikk Lunsj ist das norwegische Kitkat. Nur leckerer.

Endlich der Ort, ein Supermarkt zur Rechten. Keine Räder davor. Links ein Coop. Da sind sie auch nicht. Was is das denn!? Wollen die jetzt noch den Laden mit den besten Wochenangeboten suchen oder was? Fast am Ortsausgang sehe ich dann die Räder. Vor einem Restaurant, nicht vorm Spar. Restaurant? Hackt’s!? Ich bin kurz vorm Verhungern! Alles was ich will sind 1000 leichtverdauliche Kalorien, ein Red Bull und Wasser für die Trinkflasche. Und zwar sofort! Mänz hat mich erspäht, ruf mich. Ich erwidere wortlos mit dem Liszt’schen Gruß: Mittelfinger!

Nebenan, aber außer Sichtweite, ist Spar. Für meine Verhältnisse ist der Einkauf diesmal überraschend schnell erledigt. Ein paar Riegel als Reserve, ein norwegisches Kitkat und ein Rosinenbrötchen zum Sofortverzehr. Vor der Eingangstür stopfe ich mir die Beute zwischen die Zähne, es muss schnell gehen. Nicht, dass jetzt noch die anderen kommen. Unsere Zusammenarbeit ist für heute erledigt, ab hier fahr ich allein!

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Schön. Aber windig.

Famose Idee, es geht nämlich erstmal mit ordentlich Gegenwind weiter. Aber ich habe gerade meine fünf Minuten und die können auch gerne mal zwei Stunden dauern. Fein. Kaum etwas treibt mich besser an als Wut. Alleine kann ich auch viel besser gucken. Überall Schnee. Und Sonne. Und Felsen. Ich könnte alle 200 Meter zum Fotostop anhalten, aber ich will ja nicht riskieren, dass mich die Gäng noch einholt. Ein wenig einsam ist es schon in der Schneewüste, irgendwann bin ich nur noch von weißen meterhohen Wänden umgeben. Die Frage mit den Braunbären hatte ich kürzlich mit Torgrim geklärt, gibt hier nur ganz wenige. Aber wie sieht’s eigentlich mit Eisbären aus?

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Liszt hat jetzt eine Allein-Gäng.

Ich weiß auch nicht so richtig, was ich von diesem ganzen Schnee halten soll. Mag ich ja eigentlich nicht so, hatte ich heute auch schon genug. Wenn die Inuit 100 Wörter für Schnee haben, reichen mir zwei: Weiße Pest! Aber ich gebe zu: Schön is schon. Möchte fast sagen, beeindruckend. Trotzdem bin ich nicht unglücklich, als mich ein paar rasante Abfahrten aus dem ewigen Eis herausführen. Ich erkenne auch wieder richtige Landschaft. Birkenwäldchen und zugefrorene Seen zum Beispiel. Und natürlich diese kleinen Blockhütten, ich glaube, jeder Norweger hat mindestens zwei davon.

Alleine fahren fetzt, vor allem weil es jetzt auch Rückenwind gibt. Meine Laune ist bestens. Trotzdem könnte langsam mal der Abzweig zu unserer heutigen Unterkunft kommen, ist ja auch schon sieben und ich bin seit 10 Stunden unterwegs. Ein Auto kommt mir entgegen, hupt, hält an. WfF-Stefan auf Kontrollfahrt, will sehen wo die Nachzügler bleiben und hat auch noch ein paar Apfelschnitze im Gepäck, die ich gierig verzehre.  Noch 30 Kilometer bis zum Ziel. Huch! So weit? Egal, die schaff ich jetzt auch noch. Ein letzter unasphaltierter Anstieg zu unseren Hütten – ganz unverschneit – und ich bin da. Fast noch pünktlich zum Abendessen mit Chilli con Carne. Davon gibt es zum Glück reichlich, denn ich bin gefräßig wie ein Porsche Cayenne.

Eins kann ich Euch sagen: Epic shit ist schön, macht aber auch Arbeit.

ERT Tag 5: Fagernes – Vågå, Teil I

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Wer sein Rad liebt, der schiebt.

Ich habe ja schon einige dumme Sachen gemacht im Leben. Die Dauerwelle. Der Versuch, den Hamsterkäfig mit dem Staubsauger zu reinigen. Und dann dieser Ex-Freund, der gerne mal beim Kopp-Verlag bestellt hat. Aber es gibt ja immer noch Potential nach oben. Macht’s Euch bequem, das wird bestimmt ein längerer Bericht.

Dass ich morgens beim Zähneputzen in den Kulturbeutel statt ins Waschbecken gespuckt habe, hätte mir eigentlich schon eine Warnung sein sollen. Dann ist mir noch beim

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Vorwärts ins Verderben.

Aufpumpen das Ventil entgegengeflogen. Nach diesem holprigen Start ging es aber erstmal ganz brauchbar weiter. Auf die lange Strecke wollten sich heute trotz Sonnenschein nur die üblichen Verdächtigen begeben: Mänzlind (WfFs Brangelina), der irre Johannes (fährt grundsätzlich nur die lange Strecke, egal wie das Wetter ist), der patrickartige Mike (den ich heute die ganze Zeit mit Philipp ansprechen wollte), Mathias (mit dem ich am Vorabend im Sparmarkt noch Schwertkampf mit Elchsalamis geprobt habe) und icke.

 

Bestens gelaunt kurbeln wir bei strahlendem Sonnenschein über sanfte Wellen durchs Norwegenpanorama, wir hätten ein prima Fotomotiv für jede Skandinavien-Imagebröschüre abgegeben. Alle haben sich lieb und ich flattere die ersten beiden Berge hoch wie eine übergewichtige Gazelle. Die nächste Abzweigung: ein unasphaltierter Weg. Johannes und ich vorneweg sind erstmal dran vorbeigebrettert, hätten wir mal auf unseren Instinkt gehört.

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Ein Tor mit Warnschild? Hat bestimmt nichts zu bedeuten.

Der Weg wird steiler, von Asphalt immer noch keine Spur. Dafür ein Tor, verschlossen, irgendein Zettel mit Norwegisch drauf. Sollen die anderen das mal lesen, ich kann grad nicht absteigen, sonst komm ich nicht mehr aufs Rad. Außerdem könnte das ein Strava-Segment sein, da halt ich nicht an. 13, 15, 16 Prozent zeigt der Garmin, Aufstehen is nich, sonst drehen die Räder durch auf dem Untergrund. Der ist nicht nur unbefestigt, sondern auch nass. Tauwasser. Vor Kurzem lag hier noch Schnee und ein paar Reste sind immer noch da. Noch kann man aber dran vorbeifahren oder zur Not eben schieben. Inzwischen hat sich auch der Rest unserer Reisegruppe durchgekämpft. Von Umdrehen redet niemand, stattdessen genießen alle den umwerfenden Ausblick.
Womöglich hat uns die Sicht auch den Verstand geraubt. Wenn es sowas wie Schwarmintelligenz gibt, erleben wir jetzt jedenfalls das Gegenteil: Kollektives Aussetzen des Denkvermögens, zuletzt hat man sowas bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt beobachtet. Der Schnee bedeckt jetzt auch gerne mal den kompletten Weg, die Abstände, in denen man noch rollen

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Wird oben bestimmt besser.

kann, werden immer geringer. Irgendwann schiebe ich nur noch. Ist ja auch übel steil. Und dementsprechend anstrengend. Ich sauge den zermatschten Oatsnack aus der Packung, Körner-Gel quasi. Die anderen sind flinker, warten 50 Meter weiter. Essen, Fotos machen, sich über die eigene Verwegenheit freuen. Über Umdrehen denkt keiner nach, jedenfalls nicht laut. Wir stiefeln also unbeirrt weiter durch den Schnee, der inzwischen schon kniehoch steht. Mindestens. Hatte ich Anfangs noch Bedenken, mir nasse Füße zu holen, bin ich jetzt schon froh, wenn die Schuhe nicht im Schnee stecken bleiben.

 

Wir bewegen uns mit der Geschwindigkeit eines Schildkrötenrudels. Die Räder geschultert oder durch den Schnee zerrend, von Schieben kann schon keine Rede mehr sein. Am Anfang im Schlamm war ich noch neidisch auf die Scheibenbremsen an den Rädern von Mänzlind und Mikepatrick. Jetzt bin ich froh über mein halbwegs leichtes Rad. Gut auch, dass ich die billige 105er Gruppe drangebaut habe, um die Ultegra hätte es mir jetzt noch mehr leidgetan. Für 100 Meter Tiefschneestapfen brauchen wir gefühlt eine halbe Stunde. Doch umkehren? Aber jetzt sind wir schon so weit gekommen! Und es bleibt ja die Hoffnung, dass es bald wieder besser wird. Dass man vielleicht auch mal wieder den Weg erkennt. Oh Mann. Was haben wir denn erwartet? Dass hinter der nächsten Ecke die Heizpilz-Allee anfängt?

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Das WfF-Powercouple.

Noch eine Tiefschnee-Passage. Wenns blöd läuft, steht man jetzt auch mal hüfttief im Schnee. Scheiße. Die anderen sind schneller als ich, haben an einer Bank angehalten und wringen gerade die nassen Socken aus, als ich ankomme. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der ganze epische Shit wahrscheinlich geile Fotomotive fürs Facebook-Profil liefert, aber eben auch ziemlich bescheuert ist. Wir wissen nicht, ob wir uns überhaupt noch auf dem Weg befinden. Außerdem müssten wir auf der Nordseite wieder runter, unwahrscheinlich, dass die Lage dort besser ist.

 

Also rund 300 Meter vorm Gipfel doch noch ein Punktsieg für die Vernunft. Wir kehren um. Der Abstieg verläuft zum Glück deutlich schneller als der Hinweg, wir können ja unsere vorhandenen Spuren nutzen. Klappt aber auch nicht immer. Mikepatrick versinkt schultertief im Schnee und muss sich freischaufeln, auch ich sinke mal bis zur Hüfte ein. Schön, dass man noch das Fahrrad hat um sich daran nach oben zu ziehen. Irgendwann kann man auch wieder rollen. Mit offenen Bremsen, wegen der kleinen Steinchen, die sich gerne mal zwischen Felge und Bremsbelag verfangen. Streckenchef Mänz ist wohlweislich mit dem Crosser in die Materialschlacht gezogen und gewinnt.

Fast drei Stunden nach dem Beginn unserer kleinen Expedition sind wir wieder unten. Verwunderung über die eigene Blödheit. Sockenentwässern in der Sonne, ich versuche mit Wasser aus dem Bach den gröbsten Schmutz vom Rad zu spülen. Die Stimmung ist noch ziemlich gut, was eigentlich erstaunlich ist angesichts der Beschissenheit der Lage. Unser Plan B sieht vor, dass wir den kurzen Träck nehmen, doch auf den müssen wir erstmal draufkommen. Das wird also noch ein langer Tag, zudem werden Wasser und Riegel knapp. Mit Tankstellen oder gar Supermärkten ist hier nicht zu rechnen. Johannes, der alle Strecken im Voraus auswendig gelernt hat, weiß von einem etwas größeren Ort zu berichten, den wir durchqueren müssten. Von dort sollen es dann noch gut 80 km bis zur Herberge sein. Klingt ja vielversprechend.

 

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ERT Tag 4: Geilo – Fagernes

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Norwegische Steppe.

Heute habe ich dreimal kalt geduscht. Das erste Mal freiwillig. War nötig. Die Nacht in der Koje war kurz, ich habe miserabel geschlafen. Mein Spiegelbild hat offenbar gestern noch ordentlich einen durchgezogen, jedenfalls hat es mich aus völlig verquollenen Augenschlitzen angeschaut und ungläubig gefragt, ob das mit dem Wecken um halb 7 jetzt wirklich mein Ernst wäre. War es. WfF-Stefan hatte mich gestern zum Frühstücksdienst rekrutiert und seinem sonnigen Charme konnte ich natürlich nicht widerstehen.

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Die Lage ist ernst: Die Stylepolizei trägt Rentner-Helmmütze. 

Das Antihistamin gegen meine morgendliche Menschenallergie heißt Kaffee. Deshalb war dann auch nicht mehr viel übrig, als die Meute der Frühstücker einfiel. In all der Hektik sind dann auch noch die Brötchen zu lange im Ofen geblieben. Sahen aus wie Dieter Bohlen nach der Sonnenbank. Nächste Woche soll ich noch öfter Frühstücksdienst schieben, mal sehen ob da noch Steigerungspotential ist.

Die zweite Dusche startete pünktlich zur Abfahrt: Regen. Der Wetterbericht hatte das schon angedroht und zum Glück war ich geistesgegenwärtig genug, in letzter Minute mein Raceblade aus dem Koffer zu zerren. Mathias, Mike (der aussieht wie ein Patrick) und ich strampelten erstmal zurück zum Shopping nach Geilo. Nach dem rettenden Gel von vorgestern ist Mathias auf den Geschmack gekommen und wollte sich nun bei Intersport eindecken. Fast wäre unser Umweg für die Katz gewesen, der Laden sollte erst um 10 Uhr öffnen, doch der freundliche Intersportmann ließ und schon jetzt rein und mein Zimmerkumpel konnte sich die Trikottaschen mit Flüssigcarbs vollstopfen.

Schon auf den ersten Metern hat mir mein Körper mitgeteilt, dass er heute Ruhetag hat. Die Beine meinten, ich bräuchte heute nicht auf sie zählen und der Hackfleischhintern forderte ein Sofa statt einem Nagelbrett. Also gut, Ende der pharmazeutischen Enthaltsamkeit. Als Zugeständnis an die IG Körper gibt es ein Ibuprofen. Mike braucht auch welche, seine Knie streiken nach seinen Höhenflügem der letzten Tage. Also halten wir nach knapp 30 Kilometern im nächsten Ort an einer Apotheke. Ibu gibt’s hier direkt im Regal und auch Cortisoncreme ist frei verkäuflich. Gut zu wissen.

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Bonjour Tristesse. 

Die Streckenführung kommt dem Ruhetagsmodus und den Wetterverhältnissen sehr entgegen: Knapp 100 km, überwiegend leicht bergab, nur ein echter Berg und der ist leicht zu fahren. Pause auf dem Hochplateau, die Crew beeilt sich, das Buffet zu zaubern und alle drängen sich unterm Regenzelt. Die Meisten haben unten im Ort schon beim Bäcker gerastet. Bäcker! Da muss ich als Teigwarenfetischist auch noch hin in den nächsten Tagen.

Natürlich hat die Rast zu lange gedauert, das merke ich beim Losfahren. Meine Finger sind taub, wollen auch nicht mehr die Schaltung bedienen. Also anhalten, Handschuhe aus und die rotgefrorenen Stummel auftauen. Gar nicht so einfach. Als sie dann mal warm sind, ist aber alles jut und der Rest der Fahrt läuft recht vergnüglich. Der Ausblick, nun ja, norwegische Steppe bei Regen. Norwegischer Wald bei Regen. Haut mich nicht um, aber besser als Brandenburg. Und ich gebe zu: Ich genieße das Alleinesein. Erste Anzeichen meiner Norwegisierung. Was kommt als nächstes? Trocken-Langlauf auf diesen albernen Roll-Skiern, was hier anscheinend ein verbreitetes Hobby ist? Biathlon-Begeisterung? Oder Eisbaden?

Letzteres ist nicht ganz unrealistisch. Jedenfalls habe ich heute schonmal einen Anfang gemacht. Nachdem sich die anderen unter Heißwasser schrumplig geduscht haben, bleibt mir nur noch der kalte Rest. Nicht so lustig, aber kein Vergleich zu dem Schrecken, der uns morgen erwartet: Eine Unterkunft ohne Wifi!

ERT Tag 3: Rjukan – Geilo

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Geilomat, wa?

Das Wichtigste vorweg: Ich habe kein Bild vom Ortsschild von Geilo. Verdammt. Das liegt daran, dass es die Norweger mit Ortsschildern nicht so haben. Vermutlich weil sie es mit Orten nicht so haben. Jeder stellt irgendwo nach Belieben ein Holzhaus hin, ein paar Kilometer einen Briefkasten an die Straße, fertig. Ein Wunder, dass sie es geschafft haben, Oslo zu bauen und diese paar anderen Städte. Nachbarn, die einem Wand an Wand auf die Pelle rücken, das entspricht doch gar nicht dieser Sehnsucht nach Weite vor der Haustür, die anscheinend fest verankert ist in der norwegischen Volksseele.

 

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Hüttenausblick am Morgen. Könnte schlimmer sein.

Die Herbergen, in denen wir bislang übernachtet haben, waren auch ziemlich geräumig. Kein Vergleich mit dem, was ich von früheren WfF-Quartieren gewohnt bin. Sogar meinen Koffer mit dem Fassungsvermögen einer größeren Badewanne habe ich bisher einigermaßen problemlos untergebracht. Vergangenheitsform, weil: Heute ist das nicht so. Ich wohne in einem Stockbett mit einer Tür davor, ich glaube, das kommt einer Koje recht nahe. Egal. Wenn ich mich auf Kingsize-Betten in 4-Sterne-Suiten wälzen will, buche ich bei Rapha-Travels.

 

Radfahren lief heute übrigens gar nicht so übel wie ich das am dritten Belastungstag befürchtet hätte. Scheint, als würde sich der alte Körper wieder an die Zeit erinnern, als er mal trainiert hat. Der Hintern ist allerdings Hackfleisch, der Nacken will zur Thaimassage und der Rücken will mitkommen. Bislang widerstehe ich aber der Verlockung des Ibuprofen. Ich hab nur eine Packung mit und die sich hier bestimmt noch teurer als in der Schweiz letztes Jahr (10 Franken fürs Zehnerpack, Verbrecher). Außerdem war da ja noch dieser Detox-Gedanke. Zur Abwechslung mal nett sein zu Leber und Niere.

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Prêt à porter am Pausenauto.

Ach ja, Radfahren. Zum Start geht’s erstmal steil bergab, das Vertrauen in meine neu montierten Bremsen ist mäßig, zumal ich mit den rutschigen Langfingerhandschuhen auch nicht so gut rankomme. Aber runter kommt man ja immer. Lohnt sich auch, weil unten ist’s warm. Also Jacke aus, Windweste an, Windweste aus, so warm isses dann aber auch wieder nicht, also Windweste wieder an, später wieder aus, so geht das heute öfter. Vermutlich haben die Norweger auch den Striptease erfunden.

 

Unser kompaktes Rudel löst sich auf, als uns ein Haufen Leute entgegenkommt, trachtentragend und fahnenschwenkend. Ein Umzug, heute ist in Norwegen Nationalfeiertag. Das hat uns gestern schon Torgrim erklärt. Torgrim ist Exil-Norweger in Berlin, ich kenne ihn von der Nizza-Tour. Torgrim ist bestimmt schon hundert, sieht aber nicht so aus. Er spricht mit tiefer Stimme und norwegischem Akzent, ist groß und drahtig und sehr norwegenartig. Er kann vermutlich nicht nur Radfahren, sondern auch Elche zerlegen und mit Trollen sprechen. Auf jeden Fall feiern die Norweger heute ihre Verfassung und die Unabhängigkeit von Schweden. Und das tun sie unten, wo es warm ist. Wir kraxeln ja mal wieder auf über 1000 Metern Höhe in Tiefschnee-Gebieten herum und sind dabei ziemlich einsam. Das Buffet ist noch nicht aufgebaut als wir nach einer frostig-schönen Abfahrt ankommen. Also erstmal ab in die Hütte, die zum Glück auf hat und in der es bezahlbaren Kakao und Kuchen gibt.

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Norwegisches Ferienparadies.

Mänzlind und der fitte Johannes biegen danach auf die lange 180 km-Route ab. Ich bin ganz kurz versucht, es ihnen gleichzutun, aber irgendwie ist mir heute nicht nach Himmelfahrtskommando zumute. Wir haben ja noch ein paar Tage Zeit, uns die Beine dick zu fahren und die Finger abzufrieren. Und ein paar Hügel bleiben uns ja auch auf der 130 km-Variante. Die lassen sich ganz gut kurbeln.

Auf den Hochebenen: Angetauter Schnee, angetaute Seen und vereinzelte Hütten. Wohnen hier Leute? Oder machen die hier Urlaub? Und wenn ja, was zum Teufel machen die hier? Der Norweger, das unbekannte Wesen. Seine Hobbies: Langlauf, Schneeschippen und Alleinesein. Geilo.

 

ERT Tag 2: Kongsberg – Rjukan

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Noch habe ich meine Schneeallergie im Griff.  

Den heutigen Tag hätte ich eigentlich schnell abfrühstücken können: Schönes Wetter, feine Strecke, bisschen Kulturprogramm, feddich. Aber das war, bevor das dicke Ende kam. Also von vorn: Frühstück gab’s diesmal von der Herberge. Waffeleisen und drei Sorten Lachs, muss ich mehr sagen? Norwegen eben. Erstaunlicherweise habe ich es geschafft, mich dennoch nicht zu überfressen. Wenn, wär’s auch nicht so schlimm gewesen, denn wir wollten die ersten 30 km im Rudel rollen, um die Stabkirche Borgund zu besichtigen. Easy.

 

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Die Stabsirche ist garnicht aus Stäben! 

Eine Stabkirche ist aus Holz, das wusste ich nicht, erkannte ich alter Fuchs aber schnell. Alles weitere haben wir uns vom kernigen Stabkirchenerklärburschen auf Englisch erzählen lassen. Was hängengeblieben ist: Ein Troll hat die Kirche im 12. Jahrhundert in drei Nächten gebaut und wollte sie danach wieder kaputtwerfen. Sagt die Legende. Schwangere Frauen und Sträflinge mussten im Vorraum warten, zusammen mit den Waffen, die die Besucher am Eingang abgeben mussten. Messer durfte man mit reinnehmen, in die Wand rammen und die Hüte dran aufhängen. Überzeugendes Konzept.

 

Nach der Kirche teilte sich schon die Strecke und aus Gründen, die sich mir erst im Nachhinein erschließen sollten, bogen die Meisten auf den kurzen Track ab. Es blieben Herlind, Mänz, Johannes und mein Zimmergenosse Matthias. Die wahren Leistungsträger eben. Ha! Erstmal Pause an der Tankstelle. Kaffee und Gummibärchen für die Trikottasche. Kohlenhydrate, quasi gepresstes Gel. Dann endlich rollen, aber nicht lang. Noch eine Holzkirche, diesmal kaum größer als ein Gartenhaus. Also eins, in dem man auch den Aufsitzrasenmäher parken kann. Der freundliche Besitzer und Bauherr kommt von seiner Veranda geeilt und gibt uns bereitwillig Einblick in sein kleines Sakralkunst-Sammelsurium. Großartig. Jetzt aber endlich mal radfahren.

Norwegen sieht inzwischen schon immer norwegiger aus. Holzhäuser, Wasser, Berge mit Schnee drauf. Und ja, da sollen wir heute auch noch rauf. Erstmal aber Rast bei Kilometer 90. Wird auch Zeit. Der gestrige halbe Hungerast macht sich immer noch bemerkbar. Fünf Honigtoasts und viele, viele, viele Minuten später setzt sich die Genießerreisegruppe wieder in Bewegung. Jetzt soll dieser Berg anfangen, vor dem alle so große Ehrfurcht haben. Unnötigerweise, wie ich finde. Fünf, sechs Prozent Steigung zeigt der Garmin, schön gleichmäßig, das lässt sich doch schön kurbeln. Und dann geht es auch noch fast eben weiter. Weiß garnicht, was die alle haben. Die Jungs haben ein abschüssiges Stück zur Flucht genutzt, irgendwo hinter mir Mänzlind. Ich genieße Aussicht und Einsamkeit und kurbele gegen den stärker werdenden Wind an.

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Die dynamische Gäng.

Von mir aus könnte langsam mal die Abfahrt kommen. Es wird ja auch schon seit einiger Zeit steiler. Also übel steil. 11 Prozent, gerne mal auch 13 oder 15. Fetzt jetzt nicht mehr so. Mein Hintern brennt, die Beine sowieso. Und dann auch noch Schnee. Ferienholzhäuser vor gefrorenem See, was fürs Auge. Aber hier Urlaub? Diese Norweger. Wie sind die eigentlich so drauf? Bestimmt lieben sie alle die Einsamkeit. Gedanken oberhalb der Schneegrenze:

 

  • Sind Norweger so, wie die Deutschen gerne wären?
  • Was sind die meistgesuchten Begriffe im norwegischen Pornhub?
  • Gibt es hier Bären?
  • Was macht man, wenn ein Bär kommt?
  • Würde ich einen Bärenangriff überleben?
  • Würde ich mich plastinieren lassen? Und wäre ich nach eine Bärenangriff ein interessantes Plastinationsobjekt?
  • Soll ich nicht mal einen Organspendenausweis ausfüllen?

IMG-20160516-WA0023Wff-Alex zieht auf einem ausgeliehenen Rad vorbei. Immer mehr Schnee. Immer mehr Wind. Immer noch kein Gipfel. Dafür in weiter Ferne ein schiebender Radfahrer. Matthias, entkräftet, wie sich herausstellt. Achtung, es folgt eine Werbeeinblendung: Dank Squeezy Powergel springt er zurück aufs Rad und fliegt quasi über den Gletscher. Naja, so ähnlich. Auf jeden Fall kommen wir zu Viert ins Ziel, erfreulicherweise ohne abgefrorene Gliedmaßen. Die Räder können wir heute im knietiefen Schnee parken. Ich fürchte ja fast, das geht hier jetzt so weiter.

ERT Tag 1: Oslo – Kongsberg

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Noch zehren wir vom Fährenbier.

Während die anderen gestern durch Oslo gestiefelt sind, war ich damit beschäftigt, vorm Hostel Lenkerband zu wickeln. Wollte ich ja eigentlich zuhause machen, aber wollen tu ich ja viel. Die erste Seite musste ich nur einmal ab- und wieder aufwickeln, die zweite dreimal. Man hat’s nicht leicht als Perfektionist. Nach dem Abendessen noch ein Rundgang um den Block. Samstagabend in Oslo: Poshe Mädchen auf hohen Absätzen. In Berlin laufen so nur Touristen rum oder Leute, die ins Annabelles gehen. Blick durch die Fenster der Bars und Kneipen: Es sieht aus wie Filmsituationen. Schöne Menschen in schönen Klamotten trinken teure Getränke. Ich habe dann lieber mit den Reisebegleitern den verkeimten Hostel-Kicker getestet. Ich kickere nicht, ich hasse kickern. Es war also so ungefähr wie Real Madrid gegen SC Wattenscheid, aber dafür habe ich noch einigermaßen würdevoll verloren.

Aber ich wollte ja eigentlich über diesen anderen Sport schreiben. Irgendwas mit Rad. Also zu heute. Frühstück wie auch Abendessen liegen diesmal komplett in den Händen der WfF-Crew und ihrer willigen Helfer. Sehr gut. Opulentes Hostel-Frühstücksbuffet hat mich schon öfter ins Verderben geführt. Heute also nur ein Honigbrötchen und Apfel. Die Strecke soll mit 117 km ja überschaubar sein und noch dazu einigermaßen flach. Munkelt man, ich hab das nicht überprüft. Mit dem „Stumpf ist Trumpf“-Motto bin ich ganz gut durch die Alpen gekommen, sollte auch diesmal funktionieren. Die wichtigste Information hab ich ja: Buffet nach rund 70 km.

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Neue QOM: Herlind.

Im Rudel geht es aus der Stadt raus, über Radwege, die ihren Namen auch verdienen. Oslo bei Tag: ziemlich aufgeräumt, archichtektonisch modern – und vor allem: sonnig! Zum Glück habe ich die warmen Schuh-Kappen in letzter Minute in den Rucksack geräumt, sollen die anderen unter ihrer Thermokleidung schwitzen, mir ist warm und in den nächsten Tagen werden die langen Klamotten sicher noch dringender gebraucht. Kaum sind wir vom Radweg auf die Straße gewechselt, beginnt die Leistungsschau. So viele neue Gesichter habe ich noch nie gesehen auf einer Wff, so viele junge auch nicht. Damit sich die Kraft der jugendlichen Beine voll entfalten kann, haben die Youngsters auch noch recht edles Material mitgebracht. Dazu noch Rückenwind und fertig sind die Zutaten für die wilde Hatz. So viel steht fest: Diesmal gibt es definitiv fittere Menschen hier als mich, mit Herlind sogar eine fittere Frau. Ich schieb’s auf ihre Jugend. Womöglich könnten mein, nunja, mäßiger Trainingszustand plus ein paar Gramm mehr Masse auch eine klitzekleine Rolle spielen.

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Dem Hungertod entronnen, erstma Raucherpause.

Davon unbeeindruckt hechle ich mit den Leichtgewichtern über die Hügel, wider alle Vernunft. Wenn das hier die Flachetappe ist, will ich nicht wissen, was da noch an Bergen kommt. Wie meint Johannes so schön? „Norwegen: Das Holland Skandinaviens.“ Nicht. Wir rasten an einem türkischen BurgerDönerSofteis-Imbiss, trinken Kaffee und Cola aus Glasflaschen und essen nichts. Na gut, einen kleinen Riegel, aber in 20 km kommt ja schon die Pause. Sollte sie jedenfalls. Tut sie aber nicht. 10 km später auch nicht. Streckenmänz meint etwas von „bei km 100“, aber das halte ich für unglaubwürdig. Wie bescheuert wäre das denn, so kurz vor Schluss, wenn man das Hostel schon fast sehen kann?

IMG-20160515-WA0009Pause soll irgendwo an einem See sein. Norwegen steht gefühlt fast unter Wasser, man ist quasi IMMER an irgendeinem See. Ich habe Hunger. Alle haben Hunger, aber das bekomme ich nicht mit, weil ich ja meistens allein fahre, manchmal mit Stefano. Zu schwach, um auf die vordere Gruppe aufzuschließen, zu hungrig um auf die hinteren zu warten. Buffet müsste ja jeden Augenblick kommen. Ich halluziniere an jeder Löwenzahnwiese die gelbe Wff-Flagge herbei. Nüscht. Als wir uns fast sicher sind, dass wir die Verpflegungsstation verpasst haben, sehen wir sie dann doch noch. So etwa bei km 100. Kekse, Äpfel, Nutella – kann ich das intravenös haben bitte? Das mit diesem Detox … ach, vielleicht morgen dann.

ERT 2016: Prolog

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Die Fähre von Rostock nach Trelleborg.  Wir haben uns sogar Schlafkabinen geleistet. 

Freunde und Fahrräder kommen und gehen, aber manches ändert sich nicht. Einmal im Jahr geht der Wff auf Europaradtour ERT und seit 2011 bin ich dabei. Dieses Mal schon im Mai und nicht erst im August, wie sonst. Wäre ja auch zu einfach im skandinavischen Sommer. Mänz hat sich wieder um die Strecken gekümmert, das lässt auf geschlossene Asphaltdecken hoffen, wenn wir Glück haben ohne Eis drauf.

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Unser Fahrer: Fair, sicher, gelassen.

Ich habe mich im Vorfeld gar nicht mit klimatischen Fragen beschäftigt, genauso wenig wie im Höhenmeterangaben. Als Anfang Mai noch hüfttiefer Schnee über die Webcams unserer Quartiere flimmerte, habe ich mich aber schon gefragt, ob das ganze so eine gute Idee ist. Finanziell mit Sicherheit nicht. Meine Kontoauszüge erscheinen demnächst gesammelt im Buchhandel, als Trauerspiel in 27 Akten. In der Rolle des Schurken: das Finanzamt. In der Nebenrolle: die Miez, deren beharrliche Nahrungsverweigerung mich letztlich den Gegenwert einer Ultegra kostet. Außerdem: Der Gasanbieter, der mir kein Geld zurückzahlt, sondern sogar noch welches haben will. Weihnachtsgeld musste ich aus der Handlung leider herausschreiben. Noch unbesetzt: Der Deus ex Machina in Gestalt eines unvorhergesehenen Geldsegens.

 

Da passt Urlaub im wahrscheinlich teuersten Land Europas natürlich prima ins Konzept. Zumindest, wenn man eine Detox-Kur anstrebt: Kaffeepausen ohne Kuchen, keine spontanen Supermarktaktionen, nicht rauchen und Alkohol allenfalls in homöopathischen Dosen. So der Plan. Bislang geht er aber nicht auf. Die Anreise im Begleitfahrzeug nach Oslo ist jedenfalls geprägt vom Konsumrausch: Panik-Bierkäufe an deutschen Tankstellen, Lakritz-Hamstern auf der Fähre nach Schweden, Snus-Oraltabak testen und literweise Kaffeesaufen, solange das noch bezahlbar ist. Wenn das so weiter geht, bin ich bald nicht nur finanziell ruiniert, sondern auch körperlich.

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Promillekontrolle. Für Schweden reichts.

Der Trainingszustand ist ohnehin nicht der Beste. Nachdem ich im Dezember mein schickes Sponsorenrad abgeben musste, blieb erstmal nur das alte Caad10. Dank Dreifachkurbel und unpassender Geometrie bietet das so viel Fahrspaß wie ein vollbeladener 45 PS-Twingo im Gebirge. Da geht man dann am Wochenende doch lieber feiern, als der Gäng hinterher zu hecheln und sich dabei Nackenschmerzen zu holen. In letzter Minute habe ich dann doch mal den alten Carbonhobel flottgemacht und bin jetzt wieder back on Trek. Am Abend vor der Abreise habe ich noch einen neuen Vorbau montiert und die Schaltung verstellt. Beste Voraussetzungen also, wenn wir morgen in Oslo aufbrechen. Letz fetz!

 

 

 

ERT Tag 12: La Colmaine – Nizza

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Tierchen und Hörb nehmen am Col de Turini die Verfolgung der grantigen Liszt auf.

Nizza calling! Vor gerade mal zwei Wochen tranken wir noch Köpi im öden Stuttgart, heute abend wollen wir Pastis an der Cote d’Azur schlürfen. Davor müssen wir aber noch über diesen einen Berg und mit Monaco auch noch das fünfte Land auf unserer Europaradtour bereisen.

Ein letztes Mal Radklamotten raussuchen, ich freue mich schon drauf, zuhause den kompletten Kofferinhalt in die Waschmaschine zu entleeren. Wäre ich reich und dekadent, würde ich einfach alles verbrennen. Ein letztes Mal Massenfrühstück mit 45 hungrigen Radfahrern. Ein letztes Mal den viel zu schweren Koffer zum Gepäckwagen schleifen. Wie immer als eine der Letzten das Rad aus dem Abstellraum holen. Ein finaler Fototermin mit der ganzen Gruppe und es kann losgehen.

Wie immer ohne Plan, der Garmin wird mir schon sagen wo es hingeht. Zuerst mal kurz kraxeln und dann ganz lang bergab, das ist immer gut. Dann ein Berg. Ein langer, also her mit den Kopfhörern. Das Spotify-Abo habe ich gestern noch verlängert. Blöd nur, dass die Downloads trotzdem alle weg sind. Déja Vu-Erlebnis: Ein kleiner cholerischer Anfall, die anderen vorschicken, laut schimpfend und musikfrei hinterherstampfen. Bis zum nächsten Ort, dort sitzt die Genießerfraktion, also Julia, Mänz und Hörb beim Kaffee. Der Laden hat kein Wifi, mit dem ich meine Playlist wieder füllen könnte, ich bin immer noch grantig und als Mänz mich dann auch noch „Dickerchen“ nennt, trete ich schlechtgelaunt die Weiterfahrt alleine an.

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Das Rindviech zweifelt noch, ob da ein Artgenosse kommt.

Soziopathenmodus. Dickerchen, pfff… Bloß zusehen, dass die körperfettfreien Cappucinosäufer mich nicht einholen. Also Beeilung. Ich kassiere diverse bekannte Gesichter, läuft. Eigentlich schön hier, aber ich hab keine Muße für Fotopausen. Langsam könnte der Berg auch mal aufhören. Tut er aber nicht. Zwei weiße Turboporsches mit Schweizer Kennzeichen brettern vorbei. Bonzenschleudern. Ich wünsche ihnen einen Motorschaden, höre sie aber aus der Ferne weiterhin bergauf röhren. Na das macht ja Hoffnung.

Irgendwann ist der Gipfel doch erreicht. Col de Turini steht auf dem Schild. Aussicht gibt’s keine, aber dafür Wlan aus einem der umliegenden Cafés. Fein. Ich beschließe, solange hierzubleiben, bis meine Playlist mindestens zehn Träcks für den nächsten Berg umfasst. Schorsch kommt. Später auch der Rest. Wir trinken Kaffee, ich streichle eine niedliche kleine Katze und bin wieder versöhnt. Während sich die meisten gleich in die Abfahrt stürzen, nehmen Mänz und ich noch den L’Authion mit, eine Panoramastraße, die auf über 2000 Meter Höhe schlechte Pisten, verfallene Befestigungsanlagen und eine grandiose Sicht liefert. Das Bergtier Julia lassen wir sträflicherweise mit einem technischen Defekt zurück. Ich habe Musik eingestöpselt und überhöre ihr Rufen, das wird sie uns abends um die Ohren hauen, zurecht.

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Raphaboy vor Landschaft. Funktioniert irgendwie immer.

Die spektakulär schöne Abfahrt vom Col de Turini bietet einiges fürs Auge, inklusive einer Rallye mit schnieken alten Karren. Die Fahrer interpretieren die eigene Straßenseite bisweilen ziemlich großzügig, in den Kurven halte ich mich deshalb lieber zurück, der Belag ist ohnehin furchig wie das Gesicht von Keith Richards. Heidenspaß macht das ganze trotzdem und man kann die Cote d’Azur schon riechen. Der nächste Berg hat nur sechs Kilometer, es ist angeblich der letzte ernstzunehmende Anstieg, also haue ich nochmal alles raus, was ich habe. Auf der Abfahrt wartet ja auch das Buffet, bzw. das, was davon übrig ist.

Die Besiedlung wird dichter, der Verkehr auch. Wir nähern uns Monaco. Da war ich mal vor Jahren, um mit einem Auto durch die Gegend zu fahren. Das war im Winter und es war ok. Mit dem Rad ist Monaco die Hölle. So übersichtlich wie eine Shoppingmall in Dubai, so überfüllt wie das Berghain an Silvester. Die Avus am Freitagnachmittag ist ein Luftkurort im Vergleich zu Monte Carlos Straßen. Die internationalen Steuerflüchtlinge dämmern hier im Stau dem Erstickungstod entgegen und vermutlich ist das ihre gerechte Strafe.

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Nizza ist nicht übel für eine Stadt, die nicht Berlin ist.

Wir sind jedenfalls froh, dass wir den Money-Moloch wieder verlassen dürfen und nehmen die letzten Kilometer gen Nizza in Angriff. Statt Küstenstraße hat der Streckenmänz noch einen Berg eingeplant, davon hat er mir natürlich nichts gesagt, als ich meine Körner am letzten Pass verteilt habe. Ich schleppe mich die letzten Höhenmeter rauf, pflücke heimlich noch ein paar Feigen zur Stärkung, Mänz wird schon leicht ungeduldig. Eine letzte Abfahrt, dann liegt uns Nizza zu Füßen. Kurzer Fotostop am Ortsschild, dann stürzen wir uns in den chaotischen Feierabendverkehr. Unser Hostel in der Innenstadt erreichen wir gerade rechtzeitig zum Verladen, wir dürfen am Sonntag fliegen, unsere Räder fahren im Transporter voraus.

Am Abend erkunden wir die Stadt, gucken uns teure Yachten an, brechen in ein Dixiklo ein, sitzen am Strand und werfen Steine ins Meer. Nett hier. Vorne Meer, hinten Alpen, dazwischen schmucke alte Häuser, lässt sich aushalten. Die Anreise hat sich gelohnt. Überteuerten Pastis bekommen wir auch noch, allerdings nicht in einer poshen Strandbar, sondern in einer billigen Absteige neben dem Hostel. Um zwölf werden hier anscheinend die Bürgersteige hochgeklappt. Vielleicht doch gut, dass wir bald wieder in Berlin sind.

Ein letztes Mal Lyrik:

Nizza hat die Cote d’Azur, Berlin hat die Spree.
In Nizza isses meistens warm, bei uns liegt manchmal Schnee.
Nizza hat die Alpen im Rücken
bei uns gibt’s höchstens mal Autobahnbrücken.
Auch Nizza besuchen reichlich Touristen,
doch niemand droht hier, seine Gäste zu fisten.
In Nizza geht man schon um halb zwölf nach Hause
in Berlin startet grad erst das Vorglühen zur Sause.
Die Frauen in Nizza sind optisch die Härte
dafür haben Berliner die längeren Bärte.
In Nizza kann man prachtvolle Yachten beglotzen
bei uns betrunken vom Badeschiff kotzen.
Wär dies ein Quartettspiel, würde ich sagen:
Berlin hat Nizza haushoch geschlagen.

Danksagung und Werbeblock

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Das Buffet steht bis der Letzte satt ist.

Zum Schluss noch ein dicker fetter Dank an das geduldige, harmonische, meistens gutgelaunte und einfach tolle Team vom WfF Berlin-Brandenburg. Claudia, Susi, Doreen, Alex, Stefan und Florian und Streckenmänz haben Freizeit und Urlaub geopfert, um uns über die Alpen zu bringen und uns fabelhafte zwei Wochen zu bescheren. Haben bei der Zimmereinteilung darauf geachtet, allen Befindlichkeiten gerecht zu werden, haben täglich Koffertetris gespielt, haben Stunden in Supermärkten verbracht, gekocht und Obst geschnippelt und dabei alle Radfahrerlaunen gut überstanden. Danke!

Wer neugierig geworden ist: Der WfF veranstaltet alljährlich eine zweiwöchige Europaradtour. Für überschaubares Geld gibt es Gepäcktransport, Verpflegung und Unterbringung in Mehrbettzimmern. Das ist natürlich keine Luxus-Tour mit Masseur und Wellnesshotel, aber jedes Mal ein grandioses Erlebnis. Spätestens Anfang nächsten Jahres sollte dann auch feststehen, wohin es im kommenden Sommer geht. Ich tippe mal darauf, dass vor dem Ziel ein paar Berge stehen.