Archiv der Kategorie: Allgemein

ERT Tag 10: Eitfjord – Hardanger

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Diese Brücke ist schwerer zu passieren als es aussieht. Ständig muss man Fotos machen.

Freunde, ich hab ein Problem. Zugegeben ein luxuriöses. Wenn man ehrlich ist, interessieren Tourberichte, in denen alles eitel Sonnenschein ist, doch keine Sau. Es muss ordentlich gelitten werden, es muss regnen, stürmen oder zumindest zwischenmenschlich ordentlich krachen. Die Glücksbärchis sind schließlich auch nie als Roman rausgekommen und das hat sicher seine Gründe. Also. Was soll ich heute bitte schreiben, ohne dass es langweilig wird? Ich versuchs mal.

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Für ein gutes Foto riskiert der Neon-Bazi Kopf und Kragen.

Das Schlimmste zuerst: Ich habe ein Bier im Kühlschrank unseres letzten Quartiers vergessen. Wir haben abends auf der Veranda endlich den Fähren-Whisky aufgetrunken (mit Cola ging das), da kam das gute Aass California zu kurz. Bier in Norwegen vergessen, das ist wie ohne Handyladekabel in den Urlaub reisen. Schön blöd.

Morgens Frühstück im Freien. Es ist noch eiskalt, aber da ich ja ohnehin nie früh loskomme, verschwindet die Windweste im Koffer, aus dem es nach 11 Tagen on Tour schon stinkt, als würde ich hauptberuflich tote Tiere von der Straße kratzen. Als alle anderen schon weg sind, setzt sich das Gemütlichkeitskommando in Bewegung. Mit an Bord sind neben den üblichen Verdächtigen (Pfeffiboy, Höhenmeterjohannes und icke) diesmal auch der Bazi und Björn, der Schnacker aus dem Hunsrück, der wahrscheinlich auch im Schlaf noch redet. Gestern haben die beiden noch ganz unaufgefordert den Steuersatz an meinem Rad repariert, nachdem sie festgestellt haben, dass der zu locker war. Ich hatte mich schon über das Gezitter in der Abfahrt gewundert. Jetzt sitzt der Lenker etwas fest und es fühlt sich ein bisschen an, als würde man einen störrischen Einkaufswagen manövrieren. Aber man muss ja auch mal was für den Oberkörper tun.

Wir kommen überhaupt nicht voran. Und das liegt nicht am Wind, der pustet uns mit Hochdruck über die Wellen. Meine Beine behaupten auch, sie hätten heute gute Laune und überhaupt keine Lust, am Freitag abzureisen. Ich sammle Strava-QOMs wie Joachim Löw Punkte in Flensburg. Trotzdem gibt es ein Problem: Norwegen ist einfach viel zu fotogen. Wer auch immer für dieses ganze Fjorddesign verantwortlich ist, hat reichlich dick aufgetragen. Links bewaldete Berge, fast unnatürlich grün strahlend. Wasserfälle tosen über hunderte Höhenmeter über Felstreppen herunter. Schöner haben die es im Viktoriapark auch nicht hinbekommen. Rechts Fjord, Inseln, Holzhäuser, Fischerhütten. Im Hintergrund wieder Berge, diesmal mit Schnee drauf. Der pure Kitsch.

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Irgendwie hatte es keiner eilig mit der Weiterfahrt.

Ständig müssen wir anhalten, um Postermotive zu knipsen. Am schlimmsten wird es auf dieser Hängebrücke. Jeder braucht Fotos von sich und seinem Rad, mal fahrend, mal stehend, mal auf dem Geländer posierend. Für 350 Meter Brücke brauchen wir eine gefühlte Stunde. Danach wird es auch nicht besser. Der seltene Ausnahmefall „Ortschaft“ ist eingetreten. Da ist man in Norwegen ja fast verpflichtet, dort auch Pause zu machen. Es gibt einen Kiosk mit Softeis, Fjordblick und eine weiße Holzkirche. Davor der womöglich schönste Friedhof Norwegens. Die Leute werden hier sehr alt. Und wir auch. Liegen im Gras, gucken auf dieses Idyll und hören den Möwen beim Kreischen zu. So verbringen wir bestimmt eineinhalb Stunden. Das dynamische Duo hat noch weniger Elan aufzubrechen, als ich.

Björn und Bazi sind schon los, als wir den einzigen nennenswerten Berg für heute in Angriff nehmen. Kein Fjord mehr, dafür sieht’s hier aus wie in der Sächsischen Schweiz nur ohne Nazis und mit den Alpen im Hintergrund. Das Ganze kurbelt sich fast wie von selbst. Epic shit wird das heute ganz sicher nicht. Ich weiß nichtmal, ob ich heute ein Kaloriendefizit aufweise. Dafür habe ich langsam Sorge, dass irgendwann ein Mauthäuschen auftaucht und Vergnügungssteuer kassiert wird.

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Die Norwegischen Radwege sind auch nicht übel.

Wieder Fjord, wieder zum Heulen schöne Aussichten und endlich auch Buffet. Ich hatte ja schon befürchtet, die hätten das inzwischen abgebaut, weil wir zu lange getrödelt haben. Aber von wegen. Hier hängen fast alle herum, richtig eilig hat es heute niemand. Ich nutze die Gelegenheit und steige ins kalte Fjordwasser, Beine kühlen. Es reicht ja nicht, dass die Strecke ne Wucht ist, es muss jetzt auch noch richtig warm sein. Vom Selbstbräuner, den ich mir vor der Abfahrt fleißig auf die Beine geschmiert habe, ist jetzt natürlich nicht mehr viel übrig. Dafür wirf die Orangenhaut Schatten. Man hat’s nicht leicht…

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Berge taten heute auch nicht richtig weh. Laaangweilig…

Noch 35 Fjordkilometer, vorbei an Lachsfarmen, Kitschblicken zur Rechten und zur Linken und durch ein paar Baustellen. Der findige Johannes weiß auch, was die baggerfahrenden Norweger da treiben: „Die haben den Fjord an China verkauft und bauen jetzt ab“. Meinetwegen. Diese Überdosis Schönheit ist ja ohnehin recht ungerecht verteilt, global gesehen. Ankunft nach nichtmal 120 Kilometern. Wir nächtigen in geräumigen Campinghütten am Fjord und tafeln Pasta und Plins auf der grünen Wiese vorm Haus. Und als wäre das ganze nicht schon gut genug, finde ich am Ende des Tages auch noch meine verloren geglaubten Armlinge in 100-Kubikmeterkoffer wieder.

Morgen soll es schon wieder richtig warm werden. Hoffentlich kommen wenigstens noch ein paar Höhenmeter zusammen. Was soll ich denn sonst für Heldengeschichten erzählen?

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Ert Tag 9 Geilo – Eidfjord

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Fjord-Selfie. Schöne Landschaft, zum Glück hat die Frau die Brille auf.

Ich nehme alles Schlechte zurück, was ich jemals über Norwegen gesagt habe. Heute Nachmittag ist hier nämlich der Sommer ausgebrochen und plötzlich ist alles gut. Ich sitze auf der Veranda unserer Unterkunft mit Bergblick, hinter mir rauschen ein Fluss und ein paar Wasserfälle, über mir knallt die Abendsonne runter und neben mir steht eine Dose Bier von der ältesten Norwegischen Brauerei, die den lustigen Namen Aass trägt. Schmeckt besser als der Name befürchten lässt. Es ist also eigentlich viel zu gut hier, als dass ein interessanter Blog rausspringen könnte. Ich berichte trotzdem.

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Wasser, Schnee, Straße. Im Norden nichts Neues.

Geiloer Nächte sind kurz, zumindest meine. Schreiben, Klamotten waschen, Flaschen spülen und dann noch ne Runde ToteTiereTinder-Bingo – ich mach ab heute besser nur noch Sonnenbrillenbilder, meine Augen sehen aus, als hätte ich drei Tage im Berghain verbracht. Auf jeden Fall war ich morgens wieder erst fertig, als alle schon weg waren, bis auf den Pfeffiboy und Höhenmeter-Johannes. Der hat aus Angst, dass die heutige Etappe zu flach werde könnte, einen Extra-Berg zum Start gefunden: Eine Etappenankunft der Tour of Norway, gleich bei uns um die Ecke. Exakt 2,4 Kilometer steil bergauf durch ein Wohngebiet (so nennt man das hier wohl, wenn mehr als zwei Häuser auf fünf Hektar Land stehen). Einmal kurz das Laktat in den Beinen kitzeln, das perfekte Aufwärmprogramm. Wir hatten ja gehofft, ein paar Trinkflaschen zu finden oder wenigstens Rennfahrernamen auf die Straße gepinselt zu sehen. Die Tour ist hier ja erst vor ein paar Tagen durchgekommen. Davon war aber nichts mehr zu erahnen, das Ganze war so unspektakulär, dass ich sogar den Zielstrich verpasst habe.

Der Norweger hat’s anscheinend einfach nicht so mit Radsport, dafür mit Trockenlanglauf, dieser Randgruppensportart, die ich sonst nur vom Tempelhofer Feld kenne. Ständig kommen einem stöckchenschwingende Gestalten in Neonwesten auf Rollbrettern entgegen, ich hoffe, dass mich keiner versehentlich aufspießt. Es geht wellig durchs graue Geiloer Umland, ausgerechnet wenn ich einmal pinkeln muss, ist das hier plötzlich dicht besiedelt. Holzhütten, wo man auch hinguckt. Hoffentlich ist keiner zuhause.13 Grad sollen es heute werden, davon ist im Moment aber noch nicht zu viel zu merken. Stattdessen mal wieder Schnee und etwas Landschaft dabei. Schön, schön, aber kennt man ja schon.

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Schnee und Schneemänner.

Nimm Dir zu Essen mit, wir fahrn nach Norwegen… Natürlich hab ich nach 30 km schon wieder Hunger, trotz Frühstück. Dieses Land zehrt an einem. Zum Glück bekommt man in der Schneewüste Waffeln mit Schmand und Marmelade und 15 Kilometer später auch Buffet. Davor eine Abfahrt, die mir ein MDMArtiges Grinsen ins Gesicht zaubert. Norwegen fetzt.

Jetzt steht der schwierigste Teil des heutigen Tages auf dem Programm: Die unmögliche Straße. Es gibt einen spektakulären Radweg, der sich am Rand einer Schlucht entlangschlängelt. Aber der ist nach einem Erdrutsch gesperrt. Alternative: Ein paar Tunnel, die eigentlich nur für Autos freigegeben sind. Vor ein paar Tagen hat hier drin ein Lastwagen gebrannt. Der Verkehr läuft jetzt nur noch einspurig und entsprechend zäh. Und wir dürfen auf keinen Fall mit den Rädern durch, wegen giftiger Gase. Vorhang auf für die große WfF-Improshow: Die Räder bleiben da und werden nachher vom Gepäckwagen mitgenommen. Die Radler trampen. Also nicht wirklich. Wir fragen wartende Autofahrer, ob sie uns mit durch den Tunnel nehmen. Klappt ganz gut, die Norweger sind ja sehr lässig. Ich darf mit Janett, unserer Küchenchefin Marietta und dem verrückten Johannes im Volvo gen Mittelerde und wieder zurück reisen. Großartig. Ein unbeleuchteter Tunnel führt uns nach unten bis kurz vor die Lava-Schicht. Mit Rad wäre das sicher nicht so spaßig.

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Radler bei der Arbeit.

Als wir nach rund zehn Kilometern wieder an der Erdoberfläche auftauchen, ist Sommer. Wir warten auf einem sonnigen Parkplatz auf unsere Räder. Lässt sich aushalten. Fast zu gut. Während wir auf der Wiese chillen, vollbringt das Team auf der anderen Seite des Tunnels auf die Schnelle Meisterleistungen im Räderstapeln. Der Transporter kommt, ausladen, ausziehen. Knielinge, Windwesten, Überschuhe – alles landet im Wagen. Ist ja jetzt warm und es sind auch nur noch 15 Kilometer bis zur Unterkunft.

Weil uns das zu wenig ist, rollen das dynamische Duo und icke noch weiter den Fjord entlang. Johannes hat da noch einen Berg gefunden. 10 bis 15 Prozent Steigung. Auf einmal ist es richtig warm. Nach zwei Kilometern ist das Vergnügen bedauerlicherweise vorbei, ein Tunnel, der für Radfahrer leiiiider gesperrt ist. Der Rückweg läuft zäh, ich muss dauernd für Fotostopps anhalten. Norwegen sieht hier aus wie eine Komposition aus Alpen und Kroatien, garniert mit einer kräftigen Prise Schweden. Ich sag’s ja ungern, aber: Kann man echt nicht meckern.

ERT Tag 8: Aurland – Geilo

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Falco hatte bessere Hits als „Out of the dark“. Aber heute is das mein Lieblingstext.

Gestern gab es 80 Regenkilometer bis zur Speed-Fähre. Mit der heizten wir dann über den Fjord nach Aurland, wo wir in so einer Art Campingplatzkantine auf unser Gepäck warten mussten. Das war durchaus erheiternd, ich habe die Zeit und mein Datenvolumen nämlich genutzt, um bei Tinder die schönsten „Weib, ich war jagen!“-Bilder zu suchen. In Berlin posieren die Typen ja gern mit Kokosnüssen am Strand oder in In-die-Luft-hüpf -guckt-mal-meine-Lebensfreude-Pose. In Norwegen halten sie gern tote Tiere in die Kamera. Rebhuhn, Hecht, Elch – Hauptsache blutig und die Eingeweide fallen schon raus. Ich glaube, ich starte demnächst einen Tote-Tiere-auf-Tinder-Tumblr. Daneben gibt es noch weitere Sorten Tinderianer: Die, die apathisch auf dem Sofa sitzen, Augen halb geschlossen. Und die urbaneren Typen, die auf jedem Bild ein Glas Wein oder Likörchen in der Hand halten. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Alkohol hier als Statussymbol gilt. Wundern würde es mich jedenfalls nicht.

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Willkommen zur Expedition ins wunderschöne Mordor!

Aber ich wollte ja übers Radfahren schreiben. Der Morgen ließ nichts allzu Gutes erahnen: Das friedliche Aurland lag im feuchten Nebel. Weder ich noch meine Hüttengenossen, der Pfeffiboy und der verrückte Johannes, hatten es besonders eilig, loszukommen. Alle alle anderen waren schon lange weg, als wir aufbrachen. Drei mutige Hobbits auf dem Weg nach Mordor. Naja, zumindest sahen die grau verhangenen Felsen nicht gerade einladend aus. Beeindruckend natürlich schon. Aber das ist Mordor ja irgendwie auch.

Eine Ampel, die erste, seit wir Oslo verlassen haben. Sie ist quasi der Eingang zum Pfad der Finsternis. Ab jetzt wird es nämlich tunnelig. Und weil das allein nicht reicht, fängt auch noch der Anstieg an. Kriegt man im Dunkeln zum Glück nicht so mit. Feucht und kalt ist es da unter den Bergen. So mag es auch der Gollum. Den treffen wir zum Glück nicht, dafür aber die Nachzügler des Hauptfeldes.

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Der Bazi, auf Gazelle reitend.

Kaum ist man aus einem Tunnel raus, fängt der nächste an, es lohnt sich garnicht, die Sonnenbrille aufzusetzen. Tunnel. Hätte man den Rest vom Berg nicht einfach mit sprengen können? Gut, dass mir Johannes am Morgen noch sein Notlicht gegeben hat. Meine beiden Frontleuchten sind nämlich beide gestern kaputtgegangen. Note to myself: Kettenfett besser nicht einfach in die Tasche mit dem übrigen Radzeug werfen! Aber mal ernsthaft, Norweger: Wenn Ihr schon mehr Wasserkraftwerke als Einwohner habt, könntet Ihr wenigstens mal das Licht in Euren Tunneln anknipsen. Iron Maiden im Ohr: „Fear of the dark…“

Meine beiden flinken Reisebegleiter sind in der Finsternis verschwunden, dafür leistet mir jetzt Max Gesellschaft. Der Bazi aus Garmisch, fein. Er hat Licht, eine Reflektorweste und gute Laune. Die wird auch nicht schlechter, als es hinter jedem Tunnel etwas weißer wird. Klar, der kommt aus den Alpen, der ist Schnee gewohnt. Hatte ich schon gesagt, dass ich das weiße Elend echt nicht mehr sehen kann? Statt alberner Schneekanonen sollte man lieber mal riesige Föhns bauen, mit denen man hier schnell alles abtauen kann. Wobei, diesmal ist die Landschaft schon wieder etwas anders als bei den letzten Expeditionen ins ewige Eis. Hat was. Stromtrassen. Zeichen von Zivilisation. Wir bolzen durch einen 4 Km langen Tunnel, an dem Radler extra einen Lichtknopf drücken können. Leicht bergab, es ist wie fliegen, nur kälter.

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Bei der Aussicht kann man sich natürlich nicht vom  Buffet losreißen.

Als wir wieder rauskommen, ist es fast schon wieder sonnig. Man sieht auch wieder Landschaft in anderen Farben als in weiß. Ist das jetzt Mordor? Hatte ich mir zwar wärmer vorgestellt und mit mehr Orks, aber so gefällts mir eigentlich auch besser. Feuerwerklandschaft: Aaaaaaah! Oooooooh! Unfassbar schön. Wie im Rausch rasen wir Richtung Buffet. Das WfF-Café zur schönen Aussicht bietet heute Toast mit Marmelade und Nutella. Und weil ich mich überhaupt nicht losreißen mag, viel zu viel davon.

Ab hier soll’s fast nur noch bergab gehen, 40 Kilometer. Viel zu wenig für das, was ich grad gefressen habe. Johannes und der Pfeffiboy wollen den Abstecher auf die lange Route wagen. Der Streckenchef nicht. 40 Kilometer extra auf Naturstraße, da hat der wohl keinen Bock drauf. Ich eigentlich auch nicht, aber ein paar Kilometer mehr wären schon schön. Also los mit den Jungs – nicht ohne den beiden das Versprechen abzunehmen, dass wir bei geschlossener Schneedecke auf der Straße sofort umdrehen.

Um es kurz zu machen: Der Schnee kommt nach rund fünf Kilometern und ich bin dafür eigentlich auch ganz dankbar. Auf nassem Sand und Schotter hätte unser kleiner Umweg wahrscheinlich 5 Stunden gedauert. Der Höhenmeter-gierige Johannes redet noch etwas von wegen „dahinter wird’s bestimmt besser mit dem Schnee“. Schnell weg hier!

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Am Ziel, Geiloooo!

Die Toasts habe ich dann auf dem Weg nach Geilo verbrannt. Kopp runter und treten, Brandenburg-Modus auf fast ebener Strecke und mit Rückenwind. Ein letzter Berg, endlich ein Geilo-Ortsschildbild und weil noch ein paar Höhenmeter bis zur 2000 fehlten, sind wir dann noch bis zum Sportgeschäft gestrampelt. Statt in Armlinge hab ich mein Geld dann lieber im Supermarkt angelegt. Drei Bier, ne Salami und ein paar Lakritze für 40 Euro. Vielleicht sollte ich doch mal bei Tinder gucken, ob mir jemand etwas von seiner Beute abgibt.

 

 

ERT Tag 6: Vågå –Skjolden

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In Norwegen gibt’s einfach alles. Sogar mehr Schnee als im P1.

Willkommen zu einem weiteren Teil unserer beliebten Reihe „Urlaubstage in Strapazien“. Den Ruhetag habe ich annähernd bewegungslos verbracht. Nach dem Abendessen dann doch mal raus und gucken, was vor unserer Hütte los ist. Ich weiß jetzt, wo Autos zum Sterben hingehen. Sogar ein umgekippter Wohnwagen lag da einfach im Nadelgehölz am Wegesrand herum. Später waren die anderen auf Elchschau, ich habe meinen Koffer auseinandergenommen und meine Armlinge nicht gefunden und nachdem mir keine Flüche mehr eingefallen sind bin ich zum Trinken übergegangen. Mathias hatte eine Flasche Norweger-Pfeffi organisiert. Der ist hier nicht nur fünf Mal so teuer wie zu Hause, sondern hat auch doppelt so viele Umdrehungen. Am Ende des Abends war die Flasche leer und wir bereit fürs Berg-Sufferfest des nächsten Tages.

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Autofriedhof auf norwegisch.

Das Programm hörte sich bei der Streckenpräsentation eigentlich ganz machbar an: Erstmal 60 km um nen See herum bis zum Buffet, dann optional einen Stich auf einen Berg. Hinterher ein langer sanfter Anstieg und danach eine schöne Abfahrt. Klingt harmlos? Dachte ich auch. Der erste Teil verlief auch tatsächlich so bilderbuchartig, dass ich schon befürchtet hatte, der Blogeintrag würde zum Werbetext fürs norwegische Tourismusministerium werden. Sonne, sanfte Wellen, Seen, Holzhütten, Norwegenflaggen, ganz viele niedliche Lämmer und ein fabelhafter Bäcker mit dem besten Kaffee, den ich in den letzten Tagen getrunken habe. Kein Hunger am Buffet, aber für zehn Waffelkekse ist ja immer Platz.

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Immer wenn Du denkst, es geht  nicht mehr, kommt von irgendwo noch mehr Steigung her.

Musik auf die Ohren. Gus Gus‘ Mexiko-Album hat sich schon in den Alpen bewährt, das bringt mich sicher auch diesen „Stich“ hoch. Stich. Einmal hoch, gleicher Weg zurück. Sieht scheiße aus aufm Träck. Aber irgendwo müssen die Höhenmeter ja herkommen. Also los, vorwärts ins Verderben. Es beginnt knackig. Den Teil mit den 16 % Steigung in der Streckenbeschreibung hab ich wohl überhört. Aber meine Beine sind ja ruhetagserholt, besser wird das die nächsten Tage nicht werden. Stravasshole-Modus. Hört die Scheißsteigung mal auf? 12 % fühlen sich jetzt schon fast flach an. Vorne entschwinden Johannes und der Pfeffiboy (bei ihm wirkt das Wundermittel wohl besser als bei mir), hinter mir Mänzlind und Janett.Habe ich die Pausenwaffeln auf den ersten Metern noch verflucht, bekommt das ganze Gefresse plötzlich einen Sinn. Ich freue mich jetzt schon auf das halbe Scone aus der Bäckerpause, das mein Trikot Richtung Kniekehlen zieht. Der Garmin zeigt jetzt auch mal einstellige Steigungsprozente, trotzdem wäre es mir ganz lieb, wenn die Sache ein baldiges Ende fände. Eine Hütte, eine Schranke, eine Mautstraße. Räder kommen problemlos vorbei, schade eigentlich. Am Rand schaufelt ein Bagger im Schnee rum. Schnee?! Meine maximale Jahrestoleranz hatte ich doch vorgestern schon erschöpft! Aber wenn der Schneeschipper hier unten schon zugange ist, wird’s sicher nicht mehr lange gehen. Und noch so eine Irrsinnsorgie wie neulich feiere ich bestimmt nicht. Gus Gus sind fertig. Geht also schon ne ganze Weile. Jetzt den ollen Westbäm. Mit dem bin ich schon auf den Galibier gekraxelt, sollte auch hier funktionieren. 

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Erlaubt ist, was warm hält. Zur Not auch Plastiktüten.

Torgrim kommt mit entgegen gerauscht: „Hab’s nicht bis oben geschafft!“ Komisch, warum dreht der denn um so kurz vorm Gipfel? Wie kann man nur so danebenliegen… Um’s kurz zu machen: Es wird kälter und höher und weißer und nochmal kälter und da wird mir dann auch klar, dass Torgrim sehr weise ist. Steil isses natürlich auch und plötzlich liegt auch wieder Eis auf der Straße, leider kommt man aber irgendwie noch dran vorbei. Gefühlte zwei Stunden später: eine Hütte. Ohne Aussicht und gerade wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Die Anderen kommen. Teils von unten, teils von noch weiter oben, wo Skilifte stehen. Alles Irre und alle feiern sich jetzt dafür, dass sie so bescheuert waren, hier raufzufahren.

Weil ich die Schuh-Kappen neulich beim Schneemarsch ruiniert habe, muss ich heute auf die McGyver-Lösung zurückgreifen und die Brötchentüte vom Sparmarktausflug um die Zehen wickeln. Spaß macht die Abfahrt trotzdem nicht. Zu eisig, zu steil und immer die Angst, dass glühende Felgen einen Reifen platzen lassen. Bremsen muss man hier ja leider, wenn man nicht den kurzen, schmerzhaften Weg nach unten nehmen will. Am Fuß des „Stichs“ sehe ich dann übrigens auch das Schild mit den 15 km bis zum Gipfel. Vielleicht sollte ich meine Strategie der gezielten Uninformiertheit nochmal überdenken.

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Ohne Schnee geht’s hier irgendwie nicht.

Als alle Bekloppten wieder unten sind, gibt‘ Picknick vorm Mini-Coop. Wenn ich hier eins gelernt habe, dann dass man jede Gelegenheit zum Essen nutzen sollte. Anstrengend wird’s ja eigentlich immer. Auf in den zweiten Anstieg des Tages. Der soll sehr lang sein und ziemlich flach. Lang stimmt. Flach irgendwann nicht mehr. Außerdem wird es irgendwann absurd windig, natürlich von der falschen Seite. Norwegen! Was ist denn mit Dir los, Du krankes Land?! Zum Heulen schöne Landschaften, aber zum Kotzen schwere Reisebedingungen. Vielleicht hat der weise Torgrim Recht: Wir sind einfach einen Monat zu früh da. Jetzt liegt jedenfalls noch Schnee, Schnee und noch mehr Schnee. Ich kann’s jetzt echt nicht mehr sehen. Ich will an den Strand bei 30 Grad!

Der Wind sagt: „Dreht um!“ Ich sage: „Ey, soll das ein Witz sein?!“ Anstrengend. Wir kriechen. Irgendwann werden die Schneewände an der Seite aber so hoch, dass sie auch den Sturm etwas abhalten. Und ganz viele Irgendwanns später sind wir oben. Fotoshooting vor Schneewänden. Abfahrt. Ein Auto hält, der Fahrer fotografiert die Radfahrer, die mit debilem Grinsen über die Hügel prüglen. Bislang habe ich ja die Norweger für etwas seltsam gehalten. Langsam fürchte ich aber, dass wir hier die Spinner sind.

 

ERT Tag 5: Fagernes – Vågå Teil II

 

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Die Fahrradwäsche hat nur so mittel funktioniert.

Also los, zurück über den Berg, den wir vor ein paar Stunden schonmal runtergekommen sind, und über ein paar andere Berge auch noch. Läuft jetzt irgendwie nicht mehr so flüssig wie heute morgen. Mein Garmin hat bei unserem Idiotengipfelsturm ja leider ausgesetzt wegen Langsamkeit. Aber ich habe bestimmt 5000 nicht aufgezeichnete Kalorien verbrannt und das macht sich langsam bemerkbar. Der letzte Riegel ist in der Satteltasche. Den will ich noch nicht anrühren, man weiß ja nie, was kommt. Erstmal lange nix. Häuser mit Norwegern davor. Aber ein richtiger Ort, so mit Supermarkt? Is nich. Sind die hier alle Selbstversorger? Vielleicht haben die auch begehbare Tiefkühltruhen im Keller. Aber mal eben fürs Abendessen zu Lidl flitzen, kannste vergessen. Gruselige Vorstellung für den spätiverwöhnten Berliner.

 

Wie aus dem Nichts ein Schild: „Spar 5 km“. Wir sind gerettet! 5 km, auf die kommt es jetzt auch nicht mehr an. Oder doch? Vorne kurbeln Johannes und Mathias stoisch leicht bergauf gegen den Seitenwind, ich finde hinter Mänzlind keine gute Position und merke, wie die Kraft aus meinen Beinen schwindet. „Fahrt mal, wir sehen uns da!“ Keine Ahnung, ob das jemand hört, aber es scheint auch keinen zu interessieren. Niemand dreht sich um, als ich reißen lasse. Merken die was? Ich bin es ja gewöhnt, dass man Sterbende nicht einfach so zurücklässt. Aber im Moment sind alle nur noch mit dem eigenen Überleben beschäftigt. Ich schleppe mich mühsam voran, während sich die anderen immer weiter entfernen. Ich bin schwach, aber nicht zu schwach, um mich in Rage zu fluchen. Die Penner. Mit den heimischen Trainingskumpels wär das nicht passiert! Grollend und mit Tränen in den Augen kämpfe ich mich voran. 5 km können sehr lang sein, wenn man vom Mann mit dem Hammer bearbeitet wird.

 

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Kvikk Lunsj ist das norwegische Kitkat. Nur leckerer.

Endlich der Ort, ein Supermarkt zur Rechten. Keine Räder davor. Links ein Coop. Da sind sie auch nicht. Was is das denn!? Wollen die jetzt noch den Laden mit den besten Wochenangeboten suchen oder was? Fast am Ortsausgang sehe ich dann die Räder. Vor einem Restaurant, nicht vorm Spar. Restaurant? Hackt’s!? Ich bin kurz vorm Verhungern! Alles was ich will sind 1000 leichtverdauliche Kalorien, ein Red Bull und Wasser für die Trinkflasche. Und zwar sofort! Mänz hat mich erspäht, ruf mich. Ich erwidere wortlos mit dem Liszt’schen Gruß: Mittelfinger!

Nebenan, aber außer Sichtweite, ist Spar. Für meine Verhältnisse ist der Einkauf diesmal überraschend schnell erledigt. Ein paar Riegel als Reserve, ein norwegisches Kitkat und ein Rosinenbrötchen zum Sofortverzehr. Vor der Eingangstür stopfe ich mir die Beute zwischen die Zähne, es muss schnell gehen. Nicht, dass jetzt noch die anderen kommen. Unsere Zusammenarbeit ist für heute erledigt, ab hier fahr ich allein!

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Schön. Aber windig.

Famose Idee, es geht nämlich erstmal mit ordentlich Gegenwind weiter. Aber ich habe gerade meine fünf Minuten und die können auch gerne mal zwei Stunden dauern. Fein. Kaum etwas treibt mich besser an als Wut. Alleine kann ich auch viel besser gucken. Überall Schnee. Und Sonne. Und Felsen. Ich könnte alle 200 Meter zum Fotostop anhalten, aber ich will ja nicht riskieren, dass mich die Gäng noch einholt. Ein wenig einsam ist es schon in der Schneewüste, irgendwann bin ich nur noch von weißen meterhohen Wänden umgeben. Die Frage mit den Braunbären hatte ich kürzlich mit Torgrim geklärt, gibt hier nur ganz wenige. Aber wie sieht’s eigentlich mit Eisbären aus?

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Liszt hat jetzt eine Allein-Gäng.

Ich weiß auch nicht so richtig, was ich von diesem ganzen Schnee halten soll. Mag ich ja eigentlich nicht so, hatte ich heute auch schon genug. Wenn die Inuit 100 Wörter für Schnee haben, reichen mir zwei: Weiße Pest! Aber ich gebe zu: Schön is schon. Möchte fast sagen, beeindruckend. Trotzdem bin ich nicht unglücklich, als mich ein paar rasante Abfahrten aus dem ewigen Eis herausführen. Ich erkenne auch wieder richtige Landschaft. Birkenwäldchen und zugefrorene Seen zum Beispiel. Und natürlich diese kleinen Blockhütten, ich glaube, jeder Norweger hat mindestens zwei davon.

Alleine fahren fetzt, vor allem weil es jetzt auch Rückenwind gibt. Meine Laune ist bestens. Trotzdem könnte langsam mal der Abzweig zu unserer heutigen Unterkunft kommen, ist ja auch schon sieben und ich bin seit 10 Stunden unterwegs. Ein Auto kommt mir entgegen, hupt, hält an. WfF-Stefan auf Kontrollfahrt, will sehen wo die Nachzügler bleiben und hat auch noch ein paar Apfelschnitze im Gepäck, die ich gierig verzehre.  Noch 30 Kilometer bis zum Ziel. Huch! So weit? Egal, die schaff ich jetzt auch noch. Ein letzter unasphaltierter Anstieg zu unseren Hütten – ganz unverschneit – und ich bin da. Fast noch pünktlich zum Abendessen mit Chilli con Carne. Davon gibt es zum Glück reichlich, denn ich bin gefräßig wie ein Porsche Cayenne.

Eins kann ich Euch sagen: Epic shit ist schön, macht aber auch Arbeit.

ERT Tag 5: Fagernes – Vågå, Teil I

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Wer sein Rad liebt, der schiebt.

Ich habe ja schon einige dumme Sachen gemacht im Leben. Die Dauerwelle. Der Versuch, den Hamsterkäfig mit dem Staubsauger zu reinigen. Und dann dieser Ex-Freund, der gerne mal beim Kopp-Verlag bestellt hat. Aber es gibt ja immer noch Potential nach oben. Macht’s Euch bequem, das wird bestimmt ein längerer Bericht.

Dass ich morgens beim Zähneputzen in den Kulturbeutel statt ins Waschbecken gespuckt habe, hätte mir eigentlich schon eine Warnung sein sollen. Dann ist mir noch beim

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Vorwärts ins Verderben.

Aufpumpen das Ventil entgegengeflogen. Nach diesem holprigen Start ging es aber erstmal ganz brauchbar weiter. Auf die lange Strecke wollten sich heute trotz Sonnenschein nur die üblichen Verdächtigen begeben: Mänzlind (WfFs Brangelina), der irre Johannes (fährt grundsätzlich nur die lange Strecke, egal wie das Wetter ist), der patrickartige Mike (den ich heute die ganze Zeit mit Philipp ansprechen wollte), Mathias (mit dem ich am Vorabend im Sparmarkt noch Schwertkampf mit Elchsalamis geprobt habe) und icke.

 

Bestens gelaunt kurbeln wir bei strahlendem Sonnenschein über sanfte Wellen durchs Norwegenpanorama, wir hätten ein prima Fotomotiv für jede Skandinavien-Imagebröschüre abgegeben. Alle haben sich lieb und ich flattere die ersten beiden Berge hoch wie eine übergewichtige Gazelle. Die nächste Abzweigung: ein unasphaltierter Weg. Johannes und ich vorneweg sind erstmal dran vorbeigebrettert, hätten wir mal auf unseren Instinkt gehört.

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Ein Tor mit Warnschild? Hat bestimmt nichts zu bedeuten.

Der Weg wird steiler, von Asphalt immer noch keine Spur. Dafür ein Tor, verschlossen, irgendein Zettel mit Norwegisch drauf. Sollen die anderen das mal lesen, ich kann grad nicht absteigen, sonst komm ich nicht mehr aufs Rad. Außerdem könnte das ein Strava-Segment sein, da halt ich nicht an. 13, 15, 16 Prozent zeigt der Garmin, Aufstehen is nich, sonst drehen die Räder durch auf dem Untergrund. Der ist nicht nur unbefestigt, sondern auch nass. Tauwasser. Vor Kurzem lag hier noch Schnee und ein paar Reste sind immer noch da. Noch kann man aber dran vorbeifahren oder zur Not eben schieben. Inzwischen hat sich auch der Rest unserer Reisegruppe durchgekämpft. Von Umdrehen redet niemand, stattdessen genießen alle den umwerfenden Ausblick.
Womöglich hat uns die Sicht auch den Verstand geraubt. Wenn es sowas wie Schwarmintelligenz gibt, erleben wir jetzt jedenfalls das Gegenteil: Kollektives Aussetzen des Denkvermögens, zuletzt hat man sowas bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt beobachtet. Der Schnee bedeckt jetzt auch gerne mal den kompletten Weg, die Abstände, in denen man noch rollen

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Wird oben bestimmt besser.

kann, werden immer geringer. Irgendwann schiebe ich nur noch. Ist ja auch übel steil. Und dementsprechend anstrengend. Ich sauge den zermatschten Oatsnack aus der Packung, Körner-Gel quasi. Die anderen sind flinker, warten 50 Meter weiter. Essen, Fotos machen, sich über die eigene Verwegenheit freuen. Über Umdrehen denkt keiner nach, jedenfalls nicht laut. Wir stiefeln also unbeirrt weiter durch den Schnee, der inzwischen schon kniehoch steht. Mindestens. Hatte ich Anfangs noch Bedenken, mir nasse Füße zu holen, bin ich jetzt schon froh, wenn die Schuhe nicht im Schnee stecken bleiben.

 

Wir bewegen uns mit der Geschwindigkeit eines Schildkrötenrudels. Die Räder geschultert oder durch den Schnee zerrend, von Schieben kann schon keine Rede mehr sein. Am Anfang im Schlamm war ich noch neidisch auf die Scheibenbremsen an den Rädern von Mänzlind und Mikepatrick. Jetzt bin ich froh über mein halbwegs leichtes Rad. Gut auch, dass ich die billige 105er Gruppe drangebaut habe, um die Ultegra hätte es mir jetzt noch mehr leidgetan. Für 100 Meter Tiefschneestapfen brauchen wir gefühlt eine halbe Stunde. Doch umkehren? Aber jetzt sind wir schon so weit gekommen! Und es bleibt ja die Hoffnung, dass es bald wieder besser wird. Dass man vielleicht auch mal wieder den Weg erkennt. Oh Mann. Was haben wir denn erwartet? Dass hinter der nächsten Ecke die Heizpilz-Allee anfängt?

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Das WfF-Powercouple.

Noch eine Tiefschnee-Passage. Wenns blöd läuft, steht man jetzt auch mal hüfttief im Schnee. Scheiße. Die anderen sind schneller als ich, haben an einer Bank angehalten und wringen gerade die nassen Socken aus, als ich ankomme. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der ganze epische Shit wahrscheinlich geile Fotomotive fürs Facebook-Profil liefert, aber eben auch ziemlich bescheuert ist. Wir wissen nicht, ob wir uns überhaupt noch auf dem Weg befinden. Außerdem müssten wir auf der Nordseite wieder runter, unwahrscheinlich, dass die Lage dort besser ist.

 

Also rund 300 Meter vorm Gipfel doch noch ein Punktsieg für die Vernunft. Wir kehren um. Der Abstieg verläuft zum Glück deutlich schneller als der Hinweg, wir können ja unsere vorhandenen Spuren nutzen. Klappt aber auch nicht immer. Mikepatrick versinkt schultertief im Schnee und muss sich freischaufeln, auch ich sinke mal bis zur Hüfte ein. Schön, dass man noch das Fahrrad hat um sich daran nach oben zu ziehen. Irgendwann kann man auch wieder rollen. Mit offenen Bremsen, wegen der kleinen Steinchen, die sich gerne mal zwischen Felge und Bremsbelag verfangen. Streckenchef Mänz ist wohlweislich mit dem Crosser in die Materialschlacht gezogen und gewinnt.

Fast drei Stunden nach dem Beginn unserer kleinen Expedition sind wir wieder unten. Verwunderung über die eigene Blödheit. Sockenentwässern in der Sonne, ich versuche mit Wasser aus dem Bach den gröbsten Schmutz vom Rad zu spülen. Die Stimmung ist noch ziemlich gut, was eigentlich erstaunlich ist angesichts der Beschissenheit der Lage. Unser Plan B sieht vor, dass wir den kurzen Träck nehmen, doch auf den müssen wir erstmal draufkommen. Das wird also noch ein langer Tag, zudem werden Wasser und Riegel knapp. Mit Tankstellen oder gar Supermärkten ist hier nicht zu rechnen. Johannes, der alle Strecken im Voraus auswendig gelernt hat, weiß von einem etwas größeren Ort zu berichten, den wir durchqueren müssten. Von dort sollen es dann noch gut 80 km bis zur Herberge sein. Klingt ja vielversprechend.

 

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ERT Tag 4: Geilo – Fagernes

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Norwegische Steppe.

Heute habe ich dreimal kalt geduscht. Das erste Mal freiwillig. War nötig. Die Nacht in der Koje war kurz, ich habe miserabel geschlafen. Mein Spiegelbild hat offenbar gestern noch ordentlich einen durchgezogen, jedenfalls hat es mich aus völlig verquollenen Augenschlitzen angeschaut und ungläubig gefragt, ob das mit dem Wecken um halb 7 jetzt wirklich mein Ernst wäre. War es. WfF-Stefan hatte mich gestern zum Frühstücksdienst rekrutiert und seinem sonnigen Charme konnte ich natürlich nicht widerstehen.

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Die Lage ist ernst: Die Stylepolizei trägt Rentner-Helmmütze. 

Das Antihistamin gegen meine morgendliche Menschenallergie heißt Kaffee. Deshalb war dann auch nicht mehr viel übrig, als die Meute der Frühstücker einfiel. In all der Hektik sind dann auch noch die Brötchen zu lange im Ofen geblieben. Sahen aus wie Dieter Bohlen nach der Sonnenbank. Nächste Woche soll ich noch öfter Frühstücksdienst schieben, mal sehen ob da noch Steigerungspotential ist.

Die zweite Dusche startete pünktlich zur Abfahrt: Regen. Der Wetterbericht hatte das schon angedroht und zum Glück war ich geistesgegenwärtig genug, in letzter Minute mein Raceblade aus dem Koffer zu zerren. Mathias, Mike (der aussieht wie ein Patrick) und ich strampelten erstmal zurück zum Shopping nach Geilo. Nach dem rettenden Gel von vorgestern ist Mathias auf den Geschmack gekommen und wollte sich nun bei Intersport eindecken. Fast wäre unser Umweg für die Katz gewesen, der Laden sollte erst um 10 Uhr öffnen, doch der freundliche Intersportmann ließ und schon jetzt rein und mein Zimmerkumpel konnte sich die Trikottaschen mit Flüssigcarbs vollstopfen.

Schon auf den ersten Metern hat mir mein Körper mitgeteilt, dass er heute Ruhetag hat. Die Beine meinten, ich bräuchte heute nicht auf sie zählen und der Hackfleischhintern forderte ein Sofa statt einem Nagelbrett. Also gut, Ende der pharmazeutischen Enthaltsamkeit. Als Zugeständnis an die IG Körper gibt es ein Ibuprofen. Mike braucht auch welche, seine Knie streiken nach seinen Höhenflügem der letzten Tage. Also halten wir nach knapp 30 Kilometern im nächsten Ort an einer Apotheke. Ibu gibt’s hier direkt im Regal und auch Cortisoncreme ist frei verkäuflich. Gut zu wissen.

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Bonjour Tristesse. 

Die Streckenführung kommt dem Ruhetagsmodus und den Wetterverhältnissen sehr entgegen: Knapp 100 km, überwiegend leicht bergab, nur ein echter Berg und der ist leicht zu fahren. Pause auf dem Hochplateau, die Crew beeilt sich, das Buffet zu zaubern und alle drängen sich unterm Regenzelt. Die Meisten haben unten im Ort schon beim Bäcker gerastet. Bäcker! Da muss ich als Teigwarenfetischist auch noch hin in den nächsten Tagen.

Natürlich hat die Rast zu lange gedauert, das merke ich beim Losfahren. Meine Finger sind taub, wollen auch nicht mehr die Schaltung bedienen. Also anhalten, Handschuhe aus und die rotgefrorenen Stummel auftauen. Gar nicht so einfach. Als sie dann mal warm sind, ist aber alles jut und der Rest der Fahrt läuft recht vergnüglich. Der Ausblick, nun ja, norwegische Steppe bei Regen. Norwegischer Wald bei Regen. Haut mich nicht um, aber besser als Brandenburg. Und ich gebe zu: Ich genieße das Alleinesein. Erste Anzeichen meiner Norwegisierung. Was kommt als nächstes? Trocken-Langlauf auf diesen albernen Roll-Skiern, was hier anscheinend ein verbreitetes Hobby ist? Biathlon-Begeisterung? Oder Eisbaden?

Letzteres ist nicht ganz unrealistisch. Jedenfalls habe ich heute schonmal einen Anfang gemacht. Nachdem sich die anderen unter Heißwasser schrumplig geduscht haben, bleibt mir nur noch der kalte Rest. Nicht so lustig, aber kein Vergleich zu dem Schrecken, der uns morgen erwartet: Eine Unterkunft ohne Wifi!