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ERT Tag 5: Fagernes – Vågå, Teil I

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Wer sein Rad liebt, der schiebt.

Ich habe ja schon einige dumme Sachen gemacht im Leben. Die Dauerwelle. Der Versuch, den Hamsterkäfig mit dem Staubsauger zu reinigen. Und dann dieser Ex-Freund, der gerne mal beim Kopp-Verlag bestellt hat. Aber es gibt ja immer noch Potential nach oben. Macht’s Euch bequem, das wird bestimmt ein längerer Bericht.

Dass ich morgens beim Zähneputzen in den Kulturbeutel statt ins Waschbecken gespuckt habe, hätte mir eigentlich schon eine Warnung sein sollen. Dann ist mir noch beim

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Vorwärts ins Verderben.

Aufpumpen das Ventil entgegengeflogen. Nach diesem holprigen Start ging es aber erstmal ganz brauchbar weiter. Auf die lange Strecke wollten sich heute trotz Sonnenschein nur die üblichen Verdächtigen begeben: Mänzlind (WfFs Brangelina), der irre Johannes (fährt grundsätzlich nur die lange Strecke, egal wie das Wetter ist), der patrickartige Mike (den ich heute die ganze Zeit mit Philipp ansprechen wollte), Mathias (mit dem ich am Vorabend im Sparmarkt noch Schwertkampf mit Elchsalamis geprobt habe) und icke.

 

Bestens gelaunt kurbeln wir bei strahlendem Sonnenschein über sanfte Wellen durchs Norwegenpanorama, wir hätten ein prima Fotomotiv für jede Skandinavien-Imagebröschüre abgegeben. Alle haben sich lieb und ich flattere die ersten beiden Berge hoch wie eine übergewichtige Gazelle. Die nächste Abzweigung: ein unasphaltierter Weg. Johannes und ich vorneweg sind erstmal dran vorbeigebrettert, hätten wir mal auf unseren Instinkt gehört.

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Ein Tor mit Warnschild? Hat bestimmt nichts zu bedeuten.

Der Weg wird steiler, von Asphalt immer noch keine Spur. Dafür ein Tor, verschlossen, irgendein Zettel mit Norwegisch drauf. Sollen die anderen das mal lesen, ich kann grad nicht absteigen, sonst komm ich nicht mehr aufs Rad. Außerdem könnte das ein Strava-Segment sein, da halt ich nicht an. 13, 15, 16 Prozent zeigt der Garmin, Aufstehen is nich, sonst drehen die Räder durch auf dem Untergrund. Der ist nicht nur unbefestigt, sondern auch nass. Tauwasser. Vor Kurzem lag hier noch Schnee und ein paar Reste sind immer noch da. Noch kann man aber dran vorbeifahren oder zur Not eben schieben. Inzwischen hat sich auch der Rest unserer Reisegruppe durchgekämpft. Von Umdrehen redet niemand, stattdessen genießen alle den umwerfenden Ausblick.
Womöglich hat uns die Sicht auch den Verstand geraubt. Wenn es sowas wie Schwarmintelligenz gibt, erleben wir jetzt jedenfalls das Gegenteil: Kollektives Aussetzen des Denkvermögens, zuletzt hat man sowas bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt beobachtet. Der Schnee bedeckt jetzt auch gerne mal den kompletten Weg, die Abstände, in denen man noch rollen

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Wird oben bestimmt besser.

kann, werden immer geringer. Irgendwann schiebe ich nur noch. Ist ja auch übel steil. Und dementsprechend anstrengend. Ich sauge den zermatschten Oatsnack aus der Packung, Körner-Gel quasi. Die anderen sind flinker, warten 50 Meter weiter. Essen, Fotos machen, sich über die eigene Verwegenheit freuen. Über Umdrehen denkt keiner nach, jedenfalls nicht laut. Wir stiefeln also unbeirrt weiter durch den Schnee, der inzwischen schon kniehoch steht. Mindestens. Hatte ich Anfangs noch Bedenken, mir nasse Füße zu holen, bin ich jetzt schon froh, wenn die Schuhe nicht im Schnee stecken bleiben.

 

Wir bewegen uns mit der Geschwindigkeit eines Schildkrötenrudels. Die Räder geschultert oder durch den Schnee zerrend, von Schieben kann schon keine Rede mehr sein. Am Anfang im Schlamm war ich noch neidisch auf die Scheibenbremsen an den Rädern von Mänzlind und Mikepatrick. Jetzt bin ich froh über mein halbwegs leichtes Rad. Gut auch, dass ich die billige 105er Gruppe drangebaut habe, um die Ultegra hätte es mir jetzt noch mehr leidgetan. Für 100 Meter Tiefschneestapfen brauchen wir gefühlt eine halbe Stunde. Doch umkehren? Aber jetzt sind wir schon so weit gekommen! Und es bleibt ja die Hoffnung, dass es bald wieder besser wird. Dass man vielleicht auch mal wieder den Weg erkennt. Oh Mann. Was haben wir denn erwartet? Dass hinter der nächsten Ecke die Heizpilz-Allee anfängt?

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Das WfF-Powercouple.

Noch eine Tiefschnee-Passage. Wenns blöd läuft, steht man jetzt auch mal hüfttief im Schnee. Scheiße. Die anderen sind schneller als ich, haben an einer Bank angehalten und wringen gerade die nassen Socken aus, als ich ankomme. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der ganze epische Shit wahrscheinlich geile Fotomotive fürs Facebook-Profil liefert, aber eben auch ziemlich bescheuert ist. Wir wissen nicht, ob wir uns überhaupt noch auf dem Weg befinden. Außerdem müssten wir auf der Nordseite wieder runter, unwahrscheinlich, dass die Lage dort besser ist.

 

Also rund 300 Meter vorm Gipfel doch noch ein Punktsieg für die Vernunft. Wir kehren um. Der Abstieg verläuft zum Glück deutlich schneller als der Hinweg, wir können ja unsere vorhandenen Spuren nutzen. Klappt aber auch nicht immer. Mikepatrick versinkt schultertief im Schnee und muss sich freischaufeln, auch ich sinke mal bis zur Hüfte ein. Schön, dass man noch das Fahrrad hat um sich daran nach oben zu ziehen. Irgendwann kann man auch wieder rollen. Mit offenen Bremsen, wegen der kleinen Steinchen, die sich gerne mal zwischen Felge und Bremsbelag verfangen. Streckenchef Mänz ist wohlweislich mit dem Crosser in die Materialschlacht gezogen und gewinnt.

Fast drei Stunden nach dem Beginn unserer kleinen Expedition sind wir wieder unten. Verwunderung über die eigene Blödheit. Sockenentwässern in der Sonne, ich versuche mit Wasser aus dem Bach den gröbsten Schmutz vom Rad zu spülen. Die Stimmung ist noch ziemlich gut, was eigentlich erstaunlich ist angesichts der Beschissenheit der Lage. Unser Plan B sieht vor, dass wir den kurzen Träck nehmen, doch auf den müssen wir erstmal draufkommen. Das wird also noch ein langer Tag, zudem werden Wasser und Riegel knapp. Mit Tankstellen oder gar Supermärkten ist hier nicht zu rechnen. Johannes, der alle Strecken im Voraus auswendig gelernt hat, weiß von einem etwas größeren Ort zu berichten, den wir durchqueren müssten. Von dort sollen es dann noch gut 80 km bis zur Herberge sein. Klingt ja vielversprechend.

 

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