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Chiang Mai 2: Surviving Linksverkehr

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Erster Tag geschafft. Mit Toms Hipstamatic-Filter auf der Kamera sieht die Verkehrssituation gleich more epic aus. 

Die Geschichte mit den Höhenmetern entpuppte sich dann als doch nicht so dramatisch. 1000 waren wie durch Zauberhand am nächsten Tag aus Toms Träck verschwunden. 1000 weitere haben wir versehentlich ausgelassen, weil wir einen Abzweig verpasst hatten. Das Bedauern hielt sich in Grenzen. Die eigentliche Herausforderung sollte heute ja auch eine ganz andere sein: Surviving Linksverkehr!

Dass die Leute hier alle in die falsche Richtung fahren, hatte ich schon vorher mitbekommen. Beim gelegentlichen Rollentraining in der Heimat hab ich ein paar Videos von Radfahrern in Thailand geguckt und mich gewundert, dass die nicht alle schon tot sind, so großzügig, wie die die Straße ausnutzen. Irgendwann hab ich dann mal gegoogelt. Da war die Reise aber schon gebucht.

Nun bin ich schon mit dem Rad durch England gefahren und hab das überlebt. Der Unterschied zu hier: da sind englische Autofahrer unterwegs. Die fahren gesittet hintereinander, das ganze ist überschaubar, selbst in London, City-Maut sei Dank. Hier dagegen schieben sich Autos, Mopeds, Tuktuks und ein paar vereinzelte Radfahrer durch die Straßen, oft stehen die Autos auch und dann schlängelt sich alles, was zwei Räder hat, drum herum. Die Verkehrsführung ist ungefähr so übersichtlich wie am Ernst-Reuter-Platz, nur dass wir hier die orientierungslosen Touristen sind. Ein System ist nicht so richtig zu erkennen, alles scheint hier mehr so “go with the flow”-mäßig zu laufen. Ich bin im Berliner Verkehr sozialisiert, da gibt’s Ampeln und Regeln und eine Menge Autofahrernazis, man kann sich überlegen, wie man mit all dem umgeht, aber die Verhältnisse sind zumindest klar. Hier dagegen hab ich keine Ahnung, wie die anderen Verkehrsteilnehmer so ticken, Ampeln gibt’s nur selten, dafür aber einige Kreisverkehre, keine Ahnung, wie ich da heil rein- und vor allem wieder rauskommen soll. Und wird aus rechts vor links hier links vor rechts oder nicht? Ach egal.

Surviving  Linksverkehr

Außerhalb der Stadt ist alles halb so wild.

Erstmal muss ich über die Straße kommen, und das ist gar nicht so einfach, denn der Strom der Autos und Mopeds will einfach nicht enden. Nach zehn Minuten Lauern bin ich tollkühn genug, ich kann Tom ja auch nicht ewig auf der anderen Seite warten lassen. Später lerne ich, wie die Thais in solchen Fällen vorgehen: einfach erstmal am Rand im Gegenverkehr rollern und dann im geeigneten Moment rüberziehen. Bei Autos mangels Platz schwierig, mit Rad und Roller klappt das aber manchmal.

Auf der richtigen Seite der Hauptstraße angekommen, verbringe ich die ersten Kilometer damit, mich einfach immer links zu halten, Schlaglöchern auszuweichen und dabei Toms Hinterrad nicht aus den Augen zu verlieren. Was gar nicht so einfach ist, weil ich aus den Augenwinkeln lauter spannende Sachen sehe. Also vor allem Stände mit Essen. Früher oder später werden wir hier anhalten müssen, Riegel hab ich mir nämlich nicht aus Deutschland mitgebracht, hatten ja nur 30 Kilo Freigepäck (by the way: was hab ich mir eigentlich dabei gedacht, mit der schweren Lederjacke einzureisen?).

Während ich noch überlege, welche Thai-Verpflegung wohl am schnellsten macht, fängt auch schon der erste ernstzunehmende Berg an. Nur weiß ich das noch nicht, weil ich nicht aufs Höhenprofil geschaut habe. Vor uns tauchen andere Rennradfahrer auf, eine drahtige Frau und ein Mann, beide gleiten im eleganten Wiegetritt dahin, sieht ziemlich sportiv aus, zumindest von weitem. “Überhol die bloß nicht”, zische ich zu Tom. Kein Bock, dass das hier gleich in ein Rennen ausartet. Tom nimmt Tempo raus, wir kommen trotzdem immer näher. Na gut, umkippen will ich ja auch nicht, also vorbei da. Sind die so langsam oder bin ich so schnell? Ich hoffe auf letzteres, mag aber nicht so recht dran glauben, doch der Garmin gibt mir Recht: ich klettere hier gerade mit Fitfuckerbeinen den Berg hoch. Wie kann das sein?! Am Lebenswandel der letzten Wochen kann es eigentlich nicht liegen – es sei denn, durchtanzte Klubnächte zählen als Cardio-Workout. Darf ich dann auch Gin-Tonic in die Trinkflasche… Nee, das führt zu weit.

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Von White Christmas träumt hier niemand. 

Wie auch immer, der Berg ist dann doch sehr lang, zum Ende hin zu lang, zum Glück hab ich eine Minibanane in der Trikottasche. An den Ständen, die immer noch gelegentlich auftauchen, sieht es aus wie am Hühnerhaus am Görli, überall ganze Hähnchen am Spieß. Nix für mich. Leicht hungrig geht es nach kurzer Abfahrt in den zweiten Anstieg des Tages, der zwar deutlich kürzer, aber dafür auch deutlich steiler ist. Aua. Erholung gibt es erst auf dem Gipfel, wo wir Nicholas aus Kanada treffen. Er trägt ein ärmelloses Triathletenleibchen, solche Leute kann ich eigentlich nicht ernst nehmen, aber hey, er ist jung und wir sind in den Tropen, da sind solche modischen Fehltritte verzeihlich. Und weil es nett ist, die Strava-Flybys mal persönlich kennenzulernen, steuern wir zu dritt das nächste Café an.

Nicholas erzählt gern, zum Glück nicht nur von seinen Leistungsdaten, sondern auch vom neuen Thailändischen König, der wohl selbst ganz gerne Rad fährt. Sein Volk hat deshalb Radfahrer zu respektieren. Monarchie ist vielleicht doch nicht das schlechteste. Aber in Deutschland wär der Kaiser sicher ADAC-Mitglied und Andi Scheuer wär sein engster Berater… Es scheint jedenfalls einen regelrechten Radfahr-Boom hier zu geben, gerade in Chiang Mai, und man muss höllisch aufpassen, dass man nicht auf einer der vielen Ausfahrten, die hier angeboten werden, von durchtrainierten Thais im Rentenalter kurz und klein gefahren wird. Oder einem der vielen australischen Expats, die hier übersommern und nichts anderes machen als Berge rauf- und runterfahren, um auf Strava mit ihren Leistungen zu prahlen als wär das ein Quartettspiel und als würde es irgendwen interessieren.

Ich fasse den Entschluss, sie alle platt zu fahren. Aber erst morgen oder übermorgen, wenn ich mich akklimatisiert habe. Oder demnächst, wenn ich mich daran erinnert habe, wie Abfahren geht. Oder spätestens in ein paar Wochen, wenn mein Körperfett unter der Tropensonne dahingeschmolzen ist. Zur Not eben erst nächsten Winter, wenn ich wiederkomme. Sollte ich machen, weil Linksverkehr kann ich jetzt jedenfalls.

https://www.strava.com/activities/2052128021

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Chiang Mai 1: Mai Thai? Nee, Thai-Januar

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Traumstrände, Vollmondpartys, Sextourismus, Tempel – interessiert uns alles weniger, aber Radfahren kann man hier wohl auch ganz gut.

Es gibt ein paar gute Gründe, Berlin zu lieben. Der Winter gehört nicht dazu. Deshalb bin ich seit vorgestern in Thailand, genauer im Norden, in Chiang Mai. Dort sollen ganz passable Bedingungen zum Radfahren herrschen, so stand es jedenfalls im Tour-Forum. 20 bis 30 Grad, viel Natur mit brauchbaren Straßen und ein paar Bergen. Dazu thailändisches Essen und günstige Massagen – Tom und ich fanden das ganz überzeugend und haben Flüge gebucht.

Während sich am Silvesterabend der Feinstaubnebel über Berlin legt, sitzen wir in der Boeing 787 hinter brüllenden Babies und gucken uns das Feuerwerk über Warschau an, bzw. das, was durch die Wolken davon zu erkennen ist. Zwischenziel: Doha. Dort haben wir 14 Stunden Aufenthalt, Quatar Airlines zahlt uns dankenswerterweise ein Hotel, doch zunächst scheint es gar nicht so sicher, dass wir den Flughafen überhaupt verlassen dürfen. Dem Beamten am Ausreiseschalter gefällt Toms Reisepass nicht, weil der ein bisschen ramponiert ist. “What is this?”, fragt er fünfmal, während er mit stumpfem Blick auf das beschädigte Papier stiert. Die Erklärungsversuche will er aber gar nicht hören. Stattdessen alarmiert er einen Kollegen, der beide unsere Pässe an sich nimmt, uns ein paar Meter weiter wegführt und stehen lässt.

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Der Abschied von Tegel fällt nicht so schrecklich schwer.

Ich bin müde, hab Hunger und folglich ziemlich schlechte Laune. Ein Verhör zu vergangener Reisetätigkeit in Staaten, die vom WM-Ausrichter 2022 bis heute nicht anerkannt werden, dürfte jetzt für alle Beteiligten nicht so angenehm werden. So weit kommt es dann aber zum Glück doch nicht. Der neue Beamte stolziert in seiner schmucken schwarzen Bundfaltenuniform ein paar Mal vor den Ausreiseschaltern auf und ab, plauscht mit Kollegen, wendet unsere Pässe hin und her, macht aber keine Anstalten irgendwas zu prüfen. Schließlich bekommen wir sie wieder und lassen uns schnellstmöglich zum Westin-Hotel kutschieren. Auf dem Weg durch die gerade erwachende Stadt sehe ich eine einzige Frau, ansonsten nur Männer aus weiter entfernten Teilen von Asien. Im Hotel ist es nicht besser. Der freundliche Rezeptionist weist uns auf die Happy Hour-Angebote in der Bar hin. Nee danke, nach den letzten bacchanalen Wochen in Berlin kommt uns der Aufenthalt im Abstinenzlerstaat eigentlich ganz Recht. Das Frühstück verpassen wir auch, stattdessen ein paar Stunden schlafen und ab in die Sauna, natürlich Männer und Frauen getrennt.

Zurück am Flughafen gibt’s zum Glück keinen Ärger, der Flug läuft reibungslos, diesmal lassen wir uns nichtmal mehr Gin Tonic ausschenken, denn ab jetzt ist das Programm klar: in Thailand wird gefitfuckt, keine Diskussion. Ob das klappt? Zuletzt war ich im Herbst in Kroatien ernsthaft Radfahren, danach beschränkte sich körperliche Ertüchtigung auf halbstündige Ausflüge auf die freie Rolle und diverse Sporttechno-Nächte. Mal sehen, was von der Form noch übrig ist. Aber bitte noch nicht heute.

Um kurz vor 8 Uhr morgens klettern wir vor unserem Quartier aus dem Taxi. Vor 40 Stunden sind wir noch durchs Berghain gesprungen. Das fühlt sich jetzt sehr viel weiter weg an als die 8000 Kilometer zwischen Berlin und Chiang Mai. Zum ernsthaft Radfahren sind wir zu übernächtigt, aber Rumlaufen geht und so brechen wir erstmal zu einem kleinen Gewaltmarsch auf, um zu gucken, wo wir hier eigentlich gelandet sind.

Auf jeden Fall in einer Stadt, in der Fußgänger nicht wirklich vorgesehen sind. Bürgersteige sind holprig, schmal oder gar nicht erst vorhanden, und wenn, werden sie auch gerne von einem der Millionen Mopeds als Ausweichstrecke genutzt. Ampeln gibt’s so gut wie keine. Zu allem Überfluss herrscht auch noch Linksverkehr. Das kann ja heiter werden. Zum Glück scheinen die Autofahrer nicht besonders mordlustig zu sein, das macht Hoffnung für morgen. Da versuchen wir dann mal, uns mit den Rädern aus der Stadt zu hangeln. Tom hat einen Träck gebaut, der angeblich 3500 Höhenmeter auf 80 Kilometer versammelt und ich bin zu müde, um ernsthaft zu protestieren. Er wird schon sehen, was er davon hat.  

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